In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und einen quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer hinnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetztes Rondell warf."

Mit diesem Satz beginnt Theodor Fontanes 1895 erschienener Roman "Effi Briest", mit diesem Satz beginnt auch Rainer Werner Fassbinders 1972 bis 1974 gedrehter Film "Fontane Effi Briest oder: Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen".

Dieser lange, in seiner geduldigen Genauigkeit so komplizierte Satz wird von einem unsichtbaren Erzähler vorgelesen, doch keineswegs perfekt betont und mühelos glatt, sondern tastend, vorsichtig, zögernd fast, die historische Distanz zu Fontanes Sprache nicht historische sondern sich ihr neugierig stellend. Fassbinder läßt sich auf diese Sprache ein, und wenn er Fontanes Worte von der Einstellung eines herrschaftlichen Hauses begleiten läßt, nach dem er lange gesucht haben muß, weil es tatsächlich so aussieht wie das von Fontane beschriebene, so zeigt sich bereits hier, ganz zu Anfang des 140-Minuten-Films, seine Absicht, der nüchternen Präzision der Vorlage zu folgen.

Fassbinders "Fontane Effi Briest" ist ein sehr ruhiger, sehr konzentrierter, sehr kühler Schwarz-Weiß-Film. Lange, manuell hergestellte Weiß- und Schwarz-Blenden segmentieren den Handlungsfluß, betonen die Zeit, die vergangen ist, unterstreichen nachdrücklich Fassbinders Auswahlprinzip: Anders als viele, die ihre "Literaturverfilmungen" als optimale Kompression des Originals ausgeben, bekennt sich Fassbinder durch seine Blendentechnik zur entschiedenen Subjektivität seiner Bearbeitung, gibt zugleich zu verstehen, daß die Übertragung eines Romans in ein anderes Medium nicht ohne Brüche zu bewerkstelligen ist. Fassbinder hat dazu geschrieben: "Ich meine, man soll an dem fertigen Film ganz klar merken, daß das ein Roman ist und daß an dem Roman nicht das Wichtigste ist, daß er eine Geschichte erzählt, sondern wie er sie erzählt."

Immer wieder wird die Distanz zwischen Literatur und Kino verdeutlicht. Beschreibende Passagen aus dem Roman, im Off vorgelesen, reißen den Betrachter aus seiner Erwartung, einer gefällig aufgetischten Geschichte folgen zu können, lenken seine Aufmerksamkeit auf den literarischen Reiz des Originals, machen Lust zum Lesen. Insofern ist Fassbinders "Fontane Effi Briest" ein exemplarisch bescheidener Film.

"... aber das andere, daß er den Spuk als Erziehungsmittel brauchte, das war doch arg und beinahe beleidigend. Und Erziehungsmittel, darüber war sie sich klar, sagte nur die kleinere Hälfte; was Crampas gemeint hatte, war viel, viel mehr, war eine Art Angstapparat aus Kalkül. Es fehlte jede Herzensgüte darin und grenzte schon fast an Grausamkeit."

Die erstaunliche Wendung "Eine Art Angstapparat aus Kalkül" erscheint bei Fassbinder zweimal als Zwischentitel. Ohne die Vorlage zu vergewaltigen, akzentuiert er die von Fontane beschriebenen Unterdrückungsmechanismen, beschreibt Effi Briest als allzu lange duldsames Opfer einer gepflegt inhumanen Männergesellschaft, als Schwester seiner "Nora", als Großmutter seiner "Martha".