Von Theo Löbsack

Röntgendiagnostik und -therapie, erbschädigende Chemikalien Und medizinische Hilfe für Erbkranke, das sind drei Errungenschaften unserer Zeit, zweischneidige Errungenschaften. Denn unser modernes, bequemes und hochzivilisiertes Leben bezahlen wir auch mit ihnen wie mit einem Wechsel auf die Zukunft. Künftige Generationen werden den Wechsel einlösen müssen. Er lautet auf die allmähliche Verschlechterung der menschlichen Erbanlagen.

In einem Interview mit der Zeitschrift "Medical Tribune" hat der Heidelberger Genetiker und Anthropologe Professor Friedrich Vogel Hinweise darauf gegeben, wie der Erbverfall aussehen könnte. Der Gelehrte geht davon aus, daß Röntgenstrahlen und bestimmte Chemikalien die Zahl der Erbänderungen je Zeiteinheit, die Mutationsrate, erhöhen, das heißt, daß zumeist nachteilige Änderungen im Erbanlagenbestand des Menschen zunehmend über das normale Maß hinaus hervorgerufen werden.

Auch die Behandlung Erbkranker wirkt sich nachteilig aus insofern, als die früher Todgeweihten dank der Medizin nun überleben und ihre Anlagen weiter verbreiten können, falls sie nicht freiwillig auf Nachkommen verzichten. Dieser Verzicht wird aber nicht immer geübt – zumal in Fällen von leichtem erblichen Schwachsinn geschieht eher das Gegenteil.

Schwere Mißbildungen und Anomalien treten laut Vogel derzeit bei etwa einem halben Prozent aller Neugeborenen auf. Bei mindestens einem Drittel aller Fehlgeburten aus unbekannter Ursache seien sogenannte Chromosomen-Mutationen verantwortlich. Das sind Erbänderungen, die entweder am Chromosom als Formabweichungen sichtbar werden, oder in einer vermehrten Zahl von Chromosomen in den Körperzellen bestehen – zum Beispiel als sogenannte Trisomien, Dreifachausgaben von normalerweise doppelt vorhandenen Chromosomen.

Ein vermehrtes Auftreten solcher Anomalien durch eine künstliche Erhöhung der Mutationsrate, wie sie bei unserem zunehmenden Umgang mit energiereichen Strahlen und den mutagenen Chemikalien leider zu erwarten ist, würde nach Vogel beträchtlich ins Gewicht fallen. Unheimlicher in mancher Hinsicht sind jedoch die sogenannten Gen- oder Punkt-Mutationen. Auch sie können von Strahlen oder Chemikalien ausgelöst werden. Man kann sie unter dem Mikroskop nicht erkennen, weil sie im molekularen Bereich der Erbträgersubstanz DNS stattfinden. Gen-Mutationen können von Generation zu Generation unsichtbar weitergegeben werden und sich in der Bevölkerung anhäufen. Professor Horst Traut vom Institut für Strahlenbiologie an der Universität München vermutet, daß dies zu einer allgemeinen Vitalitätsschwäche führen wird. Eine solche Entwicklung könnte sich zum Beispiel in zunehmender Anfälligkeit gegen Krankheiten äußern.

Die eigentlichen Risiken der künstlich erhöhten Mutationsrate liegen jedoch anderswo. Professor Vogel macht darauf aufmerksam, daß vor 200 Jahren nur die Hälfte aller Menschen das fortpflanzungsfähige Alter erreicht hatten, während es heute 95 Prozent sind. Das hat sehr ernstzunehmende Konsequenzen. Denn: "Die über 50 Prozent aller Kinder", erläutert Vogel, "die vor 200 Jahren vor dem 20. Lebensjahr starben, litten ja nicht an Erbkrankheiten. Sie gingen größtenteils an Infektionskrankheiten zugrunde. Gerade diese Selektion hat unter dem Einfluß der modernen Therapie fast aufgehört."