"Die Verschwörung der Dichter", von John Hersey. Sind Intellektuelle zu Rebellen geeignet? Können Schriftsteller den Umsturz bewerkstelligen? Vermögen Denker die Welt nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu verändern? Fragen nach dem Verhältnis von Geist und Macht, von Wort und Tat, Fragen, die seit vielen Generationen gestellt werden, die auch in unserer Zeit gegenwärtig sind. Grass hat in den "Plebejern" seine Antwort gegeben, Brecht mit "Galileo" und "Turandot". Der sechzigjährige Pulitzer-Preisträger John Hersey umhüllt in seinem vierzehnten Roman das uralte Thema mit einem nicht schlecht sitzenden antiken Mantel: "Die Verschwörung der Dichter" schildert, die vergebliche Auflehnung gegen Nero unter Pisos Führung im Rom des Jahres 65 n. Chr. Der Untertitel deutet auf die Erzählform: "Geheimberichte aus dem alten Rom" wollen die einzelnen Abschnitte sein, die sich als die Notizen und Dokumente der neronischen Geheimpolizei ausgeben. Der Kunstgriff ist gewiß nicht neu, aber geschickt genutzt: Man liest gewissermaßen mit den Augen der Agenten die intimen Korrespondenzen, aus denen die Verschwörung entsteht, die verzweifelten Fragen des jungen Dichters Lucan, die abgewogenen Trostworte des entmachteten, alt gewordenen Stoikers Seneca, die zynischen Dossiers der Häscher über Fährtensuche und Folterungen, über Freitode und Hinrichtungen. Die römische Geschichte erweist sich, wie so oft, als Modellfall, als historische Bühne, auf der die Fragenkomplexe vieler Jahrhunderte vorgeformt vorliegen. Hersey geht mit den überlieferten Versatzstücken frei um, aber er wahrt das Dekor, die Sprache klingt knapp und klar, die Konstruktion des Ablaufs einer vergeblichen Verschwörung gegen den Mißbrauch der Macht ist in deutlichen Konturen gezeichnet. (Aus dem Amerikanischen von Luise Wasserthal-Zuccari; Paul Zsolnay Verlag, Wien, 1974; 310 S., 25,– DM.) Bernhard Kytzler

"Plötzlich im schönsten Frieden", Roman von Edna O’Brien. Willa, "eine brachliegende Frau." von sechsundzwanzig Jahren, hat mit ihrem Ehemann, einem impotenten, quälsüchtigen Halb- oder Dreiviertel-Irren, Pech gehabt. Ihre Sinnlichkeit ist deshalb arg verkrümmt, aber sie ist nicht tot. Ein langmütiger, zartfühlender Neger hilft ihr auf. Da wird Willa ermordet, ein Versehen des seinerseits als Sexwesen gekränkten Hausmeisters. Der kleine Roman ist sechs Jahre alt und kein Meisterstück der Autorin. Edna O’Briens schöne Härte gegenüber den Begleitumständen sexueller Bündnisse und sexueller Ungebundenheit, ihr Sinn für Komik und für Peinlichkeiten, ihre durch Humor gebändigte Erbitterung – das alles ist noch da, aber zugunsten eines ziemlich faulen Zaubers, einer allzu ehrfürchtigen Wahnbeschwörung in den Hintergrund gedrängt, verwischt. (Aus dem Englischen von Margaret Carroux; Diogenes Verlag, Zürich, 1974; 229 S., 22,80 DM.) Christa Rotzoll