Die ersten sechzehn Diplomingenieure für Raumplanung

Von Manfred Sack

Die Dortmunder Universität, weit draußen vor der Stadt in wogende Getreidefelder betoniert und Musterbeispiel einer in die Irre gegangenen Stadtplanung, hat als erstes Bildungsinstitut der Bundesrepublik soeben eine neue Spezies von Planern hervorgebracht: Raumplaner. Die ersten, sechzehn Absolventen, versehen mit dem akademischen Grad eines Diplomingenieurs, haben im Handumdrehen Lohn und Brot gefunden – wohl auch nicht ganz ohne Überraschung für Erfinder und Lehrer des erst vor fünf Jahren eingeführten Studienfaches. Es scheint, als würden sie nicht nur goutiert, sondern gebraucht: Spezialisten eines aus achtzehn Fächern bestehenden Faches, deren Spezialität es ist, über den Spezialisten zu stehen.

Man kann ihren Beruf am ehesten mit zwei anderen vergleichen: mit dem des Architekten, der sich als einziger unter lauter Detailfachleuten den Überblick und das Interesse am Ganzen bewahrt, und mit dem des Politikwissenschaftlers, mit dem er insonderheit das Vorurteil gemein hat, von allem etwas, aber von keinem alles zu wissen, ein Allesnichtswisser also. Indessen eignen ihm andere Fähigkeiten wie die zu kooperieren, zu koordinieren, über Teilaspekte einer Planung nicht das Ganze aus dem Sinn zu verlieren. Im Idealfall ist er so etwas wie ein Dirigent, der alle Instrumente handzuhaben versteht, ohne sie gleich bis zur Konzertreife zu beherrschen, und obendrein in der Theorie unterrichtet ist, der eine Partitur gehorcht.

Stadtbau-Strategen

Das empfindlichste Gebrechen des neuen Berufs ist allerdings sein unpräziser, mißdeutbarer Name. Offenbar haben die Täufer, als sie ihr Geschäft besorgten, nicht sonderlich nachgedacht und nicht einmal eine Muse von weitem mit dem Rocksaum wedeln sehen. Raumplaner planen jedenfalls nicht, was die Umgangssprache nahelegt, nach Länge, Breite und Höhe meßbare Räume, sondern Gebiete, für die als zusätzliche Dimension nicht die dritte, sondern eher schon die vierte von Bedeutung ist. Knapper umschrieben: sie betreiben Orts-(Stadt-), Regional- und Landesplanung mit allen Facetten.

Vor allem verstehen sie ihre Aufgabe als einen Komplex von Aufgaben. Beispielsweise betrachten sie die Sanierung eines Stadtviertels nicht nur als einen architektonischen Erneuerungsvorgang, sondern auch als einen rechtlichen, finanziellen, verkehrstechnischen, sozialen, verschiedene Interessen berührenden, vor allem menschlichen Prozeß.