Auf dem Wörther See, der "größten Badewanne des Alpenraumes", dort, wo in der Vorzeit Fischer im Einbaum fuhren, flitzen heute Motorboote mit einer Geschwindigkeit von siebzig Stundenkilometern von Ufer zu Ufer. Die Folge: Man kann, jagt man auf der "blaugrünen, schimmernden Wasserfläche" (wie es im schimmernden Stil der Prospekte heißt) dahin, das schöne Panorama nur bedingt genießen. Ein bißchen Langsamkeit wäre bekömmlich. Ich würde ganz gern einmal mit dem Einbaum über den anderthalb Kilometer breiten (und über sechzehn Kilometer langen) See paddeln ... Die Jahre der Motorboote scheinen ohnehin gezählt, ihre Aktion in einer Entfernung bis zu dreihundert Metern vom Ufer ist heute schon beschränkt, dort müssen sie langsamer fahren, des Lärmes wegen.

Es ist ein warmer Badesee. Um ihn möglichst sauber zu halten, wird ein enormes Ringkanalsystem errichtet, unter großen finanziellen "Opfern", wie man liest, des Staates, des Landes Kärnten und der Ufergemeinden. (Ob das wohl eine neue Definition von Opfer ist: das, wovon man sich verspricht, daß es sich bestimmt auszahlt? Allein schon durch die Feriengäste?)

In Klagenfurt steht ein berühmtes Monument, das "vermutlich meistphotographierte Tierbild Europas": Ein beherzter Mann erschlägt, mit Gewalt und mit List, ein riesenhaftes Untier, den Lindwurm. Der Wörther See, auf der Landkarte angeschaut, scheint mir lurch- und lindwurmähnlich zu sein, mit dem Schwanz nach Villach, mit dem Kopf nach Klagenfurt zu. Ob das die "graphische Vorlage", ob das der Grund ist, weshalb die Lindwurmsage hier zu Hause ist? Und ob sich wohl bald Männer wie der Lindwurmbezwinger finden, die der schwülstigen und kitschigen Werbung für den Wörther See (zum Beispiel in Lichtbildervorträgen) ebenso beherzt und listig zu Leibe rücken? Die Werbung schwitzt nur so von Superlativen und ist gerade deshalb nahe davor, in Ohnmacht zu fallen: Diese Landschaft mit dem Panorama der Tauern- und Karawankenberge entzieht sich der Propaganda-Beredsamkeit: Viel zu schön ist sie dafür.

Man geht zu neuen Methoden der Werbung insofern über, als man nicht nur einzelne Ortschaften oder Gegenden anpreist, zum Beispiel den Wörther See, der ursprünglich "Weride" und bis ins neunzehnte Jahrhundert "Wertsee" hieß. Man kommt von der Kannegießerei los, denkt, natürlich ohne auf die Dauer Vorteile preisgeben zu müssen, in größeren Zusammenhängen, wirbt zum Beispiel für Kärnten insgesamt. Das ist schon deshalb richtig, weil Werbung in einem demokratischen Staat wie Österreich sonst benachteiligt würde gegenüber der zentralisierten Werbung der Ostblockstaaten, etwa des benachbarten Jugoslawien.

Man versucht, die Preise zu halten oder doch nur Erhöhungen vorzunehmen, die der Inflationsrate entsprechen. Bescheidenere Ferienquartiere sind stark gefragt. Zum Beispiel forderte ein Urlauber auf dem Postwege folgendes an: "Ein Zimmer mit WC, Dusche und Frühstück. Für nicht mehr als zwölf Mark."

Die maßvollen Preisfestsetzungen sind nicht nur in Kärnten, sondern auch in anderen österreichischen Gebieten üblich. Das Lammertal (zum Beispiel Abtenau, vom Salzburger Hauptbahnhof 48 Autokilometer entfernt, vor 25 Jahren noch ein Bauerndorf, aber heute noch frei von Industrie) kommt mit attraktiven Angeboten. Kein Hotel (mit Swimming-pool), in dem die Vollpension über 40 Mark kostete. Das Lammertal, Orte wie etwa St. Martin, Annaberg-Lungötz, Rußbach, Golling, sind bei ihren Angeboten nicht in Verlegenheit zu bringen: was die Schönheit ihrer Felder, Auen und Hänge betrifft, im Anblick des Tennengebirges und seiner meist schneebedeckten Kuppen. Auch hier gibt es Sorgen. Sie heißen nicht nur, wie fast allerorts, Müllabfuhr und Beseitigung von Autowracks, sondern zum Beispiel Investitionen. Man möchte mehr Winter-Urlauber haben.

Kürzlich las ich: "Urlaubskünstler aller Länder treffen sich am Wörther See." Ob einem nun der ausgedehnte Wassertummelplatz mit seinen 19,4 Quadratkilometern oder das Lammertal mit den Bergen, die so verlockend nah sind, mehr gefällt: der Ausdruck "Urlaubskünstler" ist völlig verfehlt. Protest. Man muß nicht erst ein Urlaubskünstler sein (erst recht nicht ein Künstler auf Urlaub), um zu erkennen, wie wunderschön diese Landschaften in Österreich sind. Normalaugen und eine Normalverfassung genügen. R. D.