Von Tratschke

Die hoch übereinander aufsteigenden Sitzreihen waren von einem wogenden Menschenmeer überflutet, und diese Tausende erfüllte eine Leidenschaft, die an Raserei grenzte. Je mehr der Wettkampf sich seinem Ende näherte, desto mehr steigerten sich Spannung, Angst, Wut, Jubel und Ausgelassenheit. Die Menschen klatschten und schrien mit allen Kräften, sprangen von den Sitzen auf, bogen sich vor, schwenkten Tücher und Gewänder, trieben ihre Partei mit Zurufen an, drohten, schimpften, frohlockten und triumphierten. Und dann das donnernde Jubelgeschrei der Gewinnenden, in das Flüche und Verwünschungen der Verlierenden sich mischten, und das weit über das verlassene Rom nachhallte und noch das Ohr des Reisenden traf, der die Stadt schon weit hinter sich gelassen hatte ..."

Rom also und folglich kein Spiel der Fußballweltmeisterschaft 1974, ein Wagenrennen in der kaiserlichen Hauptstadt, geschildert von einem frühchristlichen Autor, der – wie er selbst sagte – das größere und eigentliche Schauspiel schildern wollte, nämlich das Publikum, etwa 180 000 bis 190 000 Menschen, die Roms Zirkus in seiner beliebtesten Zeit faßte. Nach seinem Verhalten, nach der Stimmung, nach dem Lärm könnte es das Publikum von heute sein, das da vor nahezu zwei Jahrtausenden geschildert wurde; Aber nicht allein die leidenschaftliche Anteilnahme am Kampfspiel in der Arena war dieselbe wie heute, auch der Zwang für Politiker, sich als Freund solcher Spiele zu zeigen, und vor allem die Gier der Spieler nach Ruhm und Geld waren schon da. Den ganzen angeblich so modernen Starkult hat es im alten Rom genauso gegeben wie heute. Nur waren es nicht Fußballspieler, sondern Wagenlenker, manchmal auch Gladiatoren, denen hohe Geldsummen gezahlt, Preise verliehen und Denkmäler gesetzt wurden, und um deren Gunst sich Frauen und Politiker bemühten.

Fremde, die nach Rom kamen, in die Kaiserstadt des 1. und 2. Jahrhunderts, waren erstaunt über die vielen Statuen, die sie dort sahen, und die nicht etwa Götter oder Staatsmänner darstellten, sondern Wagenlenker, um deren Ruhm noch der Nachwelt zu verkünden. So verrät zum Beispiel das Monument des Wagenlenkers C. Apulejus Diocles, das seine Verehrer ihm setzten, daß Diocles als Achtzehnjähriger angefangen hatte, mit dem Viergespann zu fahren, und sich im Alter von 42 Jahren von den Rennen zuzurückzog, und daß er in dieser Zeit 4257mal gefahren war und 1462 Siege errungen und dabei insgesamt 35 863 120 Sesterzen gewonnen hat. Das sind nach heutigem Wert gut zehn Millionen Mark.

Ein anderer Star der Arena war der Wagenlenker Flavius Scorpus. Als er im Alter von erst 27 Jahren starb, hatte er 2048 Siege eingefahren, und der Dichter Martial besang ihn in einem Gedicht als "den Ruhm des lärmenden Zirkus, die Wonne Roms und den Gegenstand seines Beifalls" und forderte die Gottheiten des Sieges, der Gunst, der Ehre, des Ruhms auf, den allzu früh Verstorbenen zu betrauern. Die neidische Parze, meinte Martial, habe Scorpius, als sie seine Siegespalmen zählte, für einen Greis gehalten.

Für die Siege in den Rennen (stehend auf dem kleinen, leichten, zweirädrigen Wagen, vor den zwei, drei, vier, sechs oder gar sieben Pferde gespannt waren, siebenmal über das achthundert Meter lange Oval des Circus maximus) gab es Palmen oder Kränze, wertvolle Geschenke und die schon erwähnten Geldpreise.

Ihr eigentliches Vermögen machten die Erfolgreichsten indessen dadurch, daß sie sich von den Parteien besonders gut bezahlen ließen. Es gab vier Parteien, die einfach nach ihren Farben unterschieden wurden: die rote, die blaue, die weiße, die grüne. Jede Partei bemühte sich um die besten Wagenlenker, und die, die das höchste Handgeld zahlte und die größte Beteiligung an den Geldpreisen zusagte, manchmal Wagenlenker sogar in ihre Direktion aufnahm, konnte mit den erfolgreichsten Stars in die Arena gehen. Die meisten Stars ließen sich bei entsprechenden Angeboten mal von dieser, mal von jener Partei einkaufen und brachten so ihr Schäfchen ins Trockene. Der Satiriker Juvenal schätzte einmal das Einkommen eines Arenastars der Roten dem von hundert Rechtsanwälten gleich. Und Rechtsanwälte verdienten in Rom nicht gerade wenig.