Von Petra Kipphoff

Als Kinder sagten wir: "Doof bleibt doof" (Erweiterungsmöglichkeit: "... da helfen keine Pillen und keine kalten Umschläge"). Mir fiel das ein, als ich den Slogan las, mit dem man in Köln für das ambitionierte, große Unternehmen der Ausstellung von Kunst der siebziger Jahre wirbt: "Kunst bleibt Kunst". Was die beiden Sätze außer dem syntaktischen Gleichschritt gemeinsam haben: den unsicheren Unterton, der in der forschen Feststellung mitschwingt.

Bleibt Kunst Kunst? Natürlich ja. Oder auch glücklicherweise nein. Daß Kunst im Sinne tradierter Vereinbarungen so ungefähr das Gegenteil von dem ist, was Künstler heute produzieren, das zu zeigen und über den Einzelfall hinaus thematisch geordnet zu belegen, ist ja gerade die Absicht dieser Ausstellung, deren Haupttitel, "Projekt ’74", sich so unantastbar unverbindlich gibt. Aber: man legt doch wieder Wert auf das Wort Kunst; es paßt zu der Atmosphäre der ernsthaften Stille, die die Szene bestimmt.

Also was denn nun: Kunst? Projekt? Wer die Ausstellung in Köln dann sieht, der kann feststellen, daß gerade die Addition des Inkommensurablen dieser Titeleien (zu denen sich auch noch die Unterzeile "Aspekte internationaler Kunst" gesellt) ein ziemlich treffender Hinweis ist auf das unendlich diffuse Selbstbewußtsein und die immense Toleranzbreite der Kunst, die so avisiert wird.

"Projekt ’74" ist eine Ausstellung, die in den weitgespannten Bogen der Veranstaltungen und Aktivitäten der Kölner Museen aus Anlaß des 150jährigen Bestehens des Wallraf-Richartz-Museums gehört. Sie wird veranstaltet vom Wallraf-Richartz-Museum, der Kölner Kunsthalle und dem Kölner Kunstverein in den Räumen von Kunsthalle und Kunstverein (eine Handvoll Arbeiten sind auch ins Wallraf-Richartz-Museum, das Römisch Germanische Museum und den Botanischen Garten verpflanzt).

In dieser Vielzahl der verantwortlichen Institute spiegelt sich eine Hauptschwierigkeit der Ausstellung: die Schizophrenien der exzessiven Demokratie, die unvermeidlich ist, wenn sechs Leute gleichberechtigt verantwortlich sein sollen und wollen. Denn mit der Zahl der Veranstalter wächst natürlich auch die Zahl der Aussteller und die Größe der Ausstellung (70 Künstler, das sind 30 zuviel). Und nur am grünen Tisch der Gleichberechtigung sehr unterschiedlich kompetenter Leute können solche Ausstellungssektionen werden, in denen Themen, Techniken und Philosophien wild durcheinandergehen: "Verbale und logische Systeme", "Zeit", "Formsysteme", "Wahrnehmung", "Performance", "Video" (-Aktivitäten, -Installationen, -Dokumentation, -Vorführung).

Und schließlich kann auch nur der verordnetedemokratische Gruppenkopf Tausendfüßler-Erklärungen wie diese absondern (im Vorkatalog, der wahrscheinlich voluminöse endgültige Katalog erscheint später): "Die Ausstellung setzt zwar einige Thesen der Organisatoren über die aktuelle Kunst voraus, aber diese sind nicht zu exemplifizierendes Thema der Ausstellung. Ausgestellt werden nicht Thesen über aktuelle Kunst, sondern diese Kunst selbst."