Auf Antrag von UN-Generalsekretär Waldheim ist am Dienstagabend in New York der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zusammengetreten, um die nach dem Putsch entstandene Lage auf Zypern zu erörtern. Am Montagvormittag hatte die unter dem Kommando griechischer Offiziere stehende 12 000 Mann starke zyprische Nationalgarde gegen den Präsidenten und Erzbischof Makarios geputscht.

Diese offensichtlich von Athen aus inszenierte Aktion sollte die drohende Ausweisung der griechischen Offiziere abwenden. Makarios hatte ihnen vorgeworfen, im Auftrag der griechischen Militärjunta seinen Sturz vorzubereiten, um die Enosis, den Anschluß an Griechenland zu betreiben. Unterstützung dürften die Putschisten bei den EOKA-II-Untergrundkämpfern des im Januar gestorbenen General Grivas gefunden haben, die ebenfalls die auf Unabhängigkeit ausgerichtete Politik des Erzbischofs hintertrieben haben.

Obwohl die Putschisten wenige Stunden nach dem Umsturz den Tod von Makarios bekanntgaben, meldete sich dieser bereits am Montag über einen Geheimsender. Er rief die Zyprioten zum Widerstand und die Welt zur Hilfe auf.

Aus allen Teilen der Insel wurden Kämpfe gemeldet. Griechenland und die Türkei versetzten ihre Truppen in Alarmbereitschaft. Die türkische Presse sprach von der Möglichkeit eines Krieges zwischen den beiden Nato-Mitgliedstaaten. Der türkische Ministerpräsident Ecevit erklärte, "die Türkei ist zu allem bereit, wenn ihre auf internationalen Verträgen beruhenden Rechte verletzt werden und wenn die Sicherheit der türkischen Bevölkerungsgruppe auf Zypern von der geringsten Drohung betroffen wird." Auch der britische Außenminister Callaghan vertrat die Ansicht: "Die Lage birgt eindeutig schwere Risiken in sich, und es ist von größter Bedeutung, daß der Frieden so schnell wie möglich wiederhergestellt wird.

Sowohl die Sowjetunion als auch die Vereinigten Staaten ließen keinen Zweifel daran, daß sie Athen für die Lage verantwortlich machen. Der griechische Außenminister erklärte dagegen, es handele sich bei den Ereignissen um eine innere Angelegenheit Zyperns. Griechenland werde sich an das Prinzip der Nichteinmischung halten.

Während Erzbischof Makarios am Dienstag die Insel verließ, um von außen den Widerstand zu organisieren, wurde in Nikosia die neue Regierung unter dem rechtsgerichteten Politiker Nikos Sampson vereidigt.

Von den rund 600 000 Einwohnern Zyperns sind 40 Prozent griechischer und 20 Prozent türkischer Abstammung. Zwischen beiden Bevölkerungsteilen war es nach der Unabhängigkeit 1960 wiederholt zu blutigen Kämpfen gekommen. Makarios bemühte sich zwar nicht sonderlich um die Versöhnung beider Beyölkerungsteile, trat jedoch für die Einheit des Landes ein. Er steuerte einen geschickten Neutralitätskurs, wobei ihm häufig prokommunistische Neigungen unterstellt wurden. Zur gleichen Zeit verhinderte er aber auch nicht, daß die logistischen Erkenntnisse der britischen Militärbasen auf Zypern der Nato zugute kamen.

Die Insel ist von erheblichem strategischen Wert, da von ihr aus nicht nur das gesamte östliche Mittelmeer, sondern auch der Nahe Osten und die südlichen Teile der Sowjetunion kontrolliert werden können. Die beiden Großmächte haben erkennen lassen, daß sie an einer Veränderung des Gleichgewichts in diesem Raum nicht interessiert seien.