Bisher ist es den Kreditinstituten gelungen, die Folgen der Herstatt-Pleite von der Börse fernzuhalten. Die Banken demonstrieren Solidarität: An einem "schwarzen Freitag" ist niemand interessiert. Keiner hat bisher versucht, das Kursgefüge durch eine groß angelegte Baissespekulation zum Einsturz zu bringen, was sicherlich möglich wäre. Das aus dem Ausland hereinströmende Aktienmaterial wird – ohne mit der Wimper zu zucken – bei stabilen Kursen geschluckt. Bisher hat sich das bezahlt gemacht, denn die Abgabebereitschaft der verstimmten Ausländer scheint von Tag zu Tag geringer zu werden.

"Wenn es keine neue Bankpleite gibt, sind wir an der Börse über dem Berg", meinen die Wertpapierexperten, die allmählich den Herstatt-Schock zu überwinden beginnen und ihre Blicke jetzt auf die konjunkturelle Landschaft richten. Immer mehr festigt sich die Meinung, daß die Entwicklung des Lebenshaltungskostenindex auf der einen Seite und die drohende Zunahme der Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite der Bundesbank die Lockerung der Liquiditätsfesseln erleichtern würden, falls man gewiß sein könnte, daß die Tarifpartner bei neuen Lohnabschlüssen wirklich Mäßigung walten lassen würden.

Es gibt Anleger, die nicht erst auf ein Zeichen der Bundesbank warten wollen, sondern schon jetzt begonnen haben, ihre Bestände vorsichtig aufzustocken. Dazu gehört Mut, denn im Zusammenhang mit noch auftretenden Pleiten – hauptsächlich im Baubereich – kann es auf dem Wertpapiersektor noch stürmische Tage geben. Kein Wunder, wenn Bauaktien gegenwärtig nicht zu den Lieblingskindern der Börsianer zählen.

Neuerdings wird hier und dort auch zum Verkauf von Stahlaktien geraten, obwohl für das laufende Geschäftsjahr bei nahezu allen Unternehmen der Branche mit kräftigen Gewinn- und Dividendensteigerungen zu rechnen ist. Die Pessimisten sind indessen der Meinung, daß der Stahlboom nunmehr seinen Höhepunkt erreicht hat und ein rasches Ende finden wird, weil die Automobilindustrie und die Bauwirtschaft ihre Bestellungen kürzen werden und im Export kein Ersatz zu finden sein wird.

Im Chemiebereich sind solche "Ermüdungserscheinungen" noch nicht feststellbar, wenngleich hier eine Verlangsamung des Gewinnanstiegs zu konstatieren ist. K. W.