Nur ein nutzloser Stein?

Vor fünf Jahren betrat der amerikanische Astronaut Neill Armstrong als erster Mensch den Mond

Nun ist es schon fünf Jahre her, da wir die Nacht vor dem Fernsehschirm verbrachten, um mitanzusehen, wie zum erstenmal ein Mensch den Mond betrat, ein Mensch, der so gar kein Pathos kennt und dem doch die Situation ein großes Wort entlockte: "Das ist für einen Menschen ein kleiner Schritt, für die Menschheit aber ein großer Sprung." Neill Armstrong war es, der am 21. Juli 1969 um drei Uhr, 56 Minuten und 19 Sekunden mitteleuropäischer Zeit seinen mit gewaltigen Stiefeln bewehrten Fuß vorsichtig auf den staubigen Mondboden setzte.

Sehr genau konnten wir das alles nicht sehen. Noch waren die vom Erdtrabanten gesendeten Fernsehbilder undeutlich und verwirrend. Wenig später freilich, während der nächsten Apollo-Landungen, gab es gestochen scharfe Farb-Fernsehsendungen von den Männern, die da auf dem Satelliten herumtorkelten. Doch so erregend wie jene erste TV-Live-Show vom Mond war das nicht mehr. Wir hatten uns überraschend schnell an den Gedanken gewöhnt, daß Leute zu dem 380 000 Kilometer entfernten Himmelskörper geschossen werden und dort oben werkeln, ja, sogar Auto fahren. In jener denkwürdigen Julinacht war das Rennen gelaufen. "Der Mond ist ein Ami", befand Bild; der Wettkampf war also entschieden.

Richtig, es war ein Wettlauf gewesen, zwischen den USA, die den Sputnik-Schock noch nicht überwunden hatten, und der Sowjetunion, von der Gerüchte wissen wollten, sie verfüge über einen wunderbaren Raketen-Treibstoff. Kennedy hatte die Expedition zum Erdtrabanten als nationales Ziel erklärt, und der sonst so knauserige Kongreß bewilligte Unsummen für ein technologisches Abenteuer, dessen Ausgang noch völlig ungewiß war. Von der Furcht getrieben, die Sowjets könnten vor den Amerikanern auf dem Mond sein, inszenierten die Vereinigten Staaten ein gigantisches Forschungswerk. Um zwei Männer auf den unwegsamen Himmelskörper zu bringen, mußten unzählige Probleme gelöst werden, von der Medizin bis zur Elektronik, und das geschah in Tausenden von Forschungsstätten.

Irgendwann während der acht Jahre, die zwischen Kennedys markiger Aufforderung zum lunaren Wettlauf und dem glanzvollen amerikanischen Sieg verstrichen, waren die Sowjets verstohlen aus dem Rennen ausgestiegen. Offenbar hatten sie ihre finanzielle und wohl auch ihre technologische Leistungsfähigkeit überschätzt. Die gefürchtete Wunderrakete war nur eine Zeitungsente, wie sich später herausstellte. Aber das wußte damals niemand so genau.

Dank seiner Mondsucht stieg Amerika zum Dorado der Wissenschaft auf. Andernorts beklagte man den brain drain, die Abwanderung von Wissenschaftlern in die USA, wo jedes Forschungsobjekt großzügig finanziert wurde. Es zahlte sich aus. Bald wurden in der Neuen Welt an einem Tag mehr Entdeckungen gemacht als zuvor innerhalb eines Jahres.

Freilich wurde auch Skepsis laut. Während die Wissenschaft einem Höhepunkt zutrieb, stellte eine neue Intellektuellen-Generation die Errungenschaften solcher Zivilisation mehr und mehr in Frage, einer Zivilisation, die einen großen Teil der Menschheit Hungers sterben läßt und dennoch Milliarden dafür ausgibt, daß ein paar Leute einen nutzlosen, toten Stein im Weltraum besuchen.

Nur ein nutzloser Stein?

Der indirekte Nutzen des Mammutunternehmens freilich war groß. Er bestand nicht so sehr in den von der NASA so lautstark als fall out gelobten einzelnen Erfindungen, als vielmehr in der Ankurbelung der Forschung, die nach der Mondlandung nur vergleichsweise gering gedämpft wurde und Institutionen geschaffen hat, die sich nunmehr relevanteren Aufgaben zuwenden.

Bisher waren es die Kriege gewesen, die Wissenschaftler und Techniker zu besonders emsiger Tätigkeit angeregt hatten. Diesmal war der Antrieb nicht minder nationalistisch, aber wenigstens unblutig. Vielleicht ist dies der wahre Sprung, den die Menschheit mit Neill Armstrongs kleinem Schritt getan hat. Der nächste könnte sein, daß wir lernen, Milliarden ohne patriotische Umwege direkt und damit effektiver für die Lösung unserer wahren Probleme auszugeben.

Thomas v. Randow