Warum die grüne Insel auch ohne England in der Europäischen Gemeinschaft bleiben will

Do not judge the Community by the yardstick of shopkeepers." Das ist nicht nur die Meinung des Vertreters der Europäischen Kommission in Dublin. Regierung, Wirtschaft und die Mehrheit der Bevölkerung teilen die Ansicht, daß der "Maßstab eines Krämers" für das Urteil über die Europäische Gemeinschaft ungeeignet ist.

Die Mitgliedschaft in der EG verheißt natürlich auch wirtschaftlichen Nutzen, aber das ist nicht alles. Sie gibt den Iren das Gefühl, nicht mehr länger ausschließlich von England abhängig zu sein. "Wichtige Entscheidungen werden jetzt nicht mehr in London getroffen, jetzt verhandeln wir in Brüssel als gleiche unter gleichen", heißt es in Dublin. Dem Selbstbewußtsein des Dreimillionenvolkes auf der Insel hinter der Insel wird es guttun, wenn vom 1. Januar 1975 an der Ratspräsident in Brüssel ein Ire sein wird.

– Auf diesem Außenposten Europas lebt eine Bevölkerung, die noch nicht das Opfer des rationalen Apparates einer modernen Industriegesellschaft geworden ist. Aber sie ist, wie ein Besuch auf der Insel in diesen Tagen zeigte, auf dem Wege dorthin. Trauer beschleicht den Kenner Irlands und der Iren, wenn er diesen Prozeß beobachtet. Denn mit der Industrie und dem langsam wachsenden Wohlstand kommt nicht unbedingt auch das Glück. Im Gegenteil – in einem Volk keltischen Ursprungs, das so lange in vorkapitalistischen Wirtschaftsverhältnissen lebte, stellen sich Glück, Zufriedenheit, Heiterkeit und der korrespondierende Weltschmerz auch bei niedrigem Einkommen ein. Wer diese Menschen tanzen, singen und musizieren sieht, wird die Sorge nicht los, daß die vordringende Industrialisierung mit der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche wichtige Lebensquellen stillegen wird.

Doch es blieb keine Wahl. Ein Land, in dem noch immer 27 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sind, das eine hohe Geburtenrate, aber eine niedrige Sterberate hat, mußte sich schnell in einem Teufelskreis wiederfinden: Armut bringt immer nur neue Armut hervor. Der einzige Ausweg aus diesem Zirkel war die Auswanderung. Das änderte sich erst, als sich die Regierung entschloß, mit einer planmäßigen Politik Industrien ins Land zu ziehen. In den letzten zehn Jahren wurden 595 neue Industrieunternehmen mit staatlichen Zuschüssen errichtet, 407 davon sind ganz oder teilweise in ausländischem Besitz. Ein Fünftel der Auslandsunternehmen hat deutsche Muttergesellschaften. 1973 registrierte das Land zum erstenmal wieder einen Einwanderungsüberschuß.

Der Lebensstandard der Iren hängt vom Außenhandel ab, genauer: vom Handel mit England und den sechs nördlichen Grafschaften. Rund 61 Prozent aller irischen Exporte gehen auch heute noch in das Vereinigte Königreich, aber 1965 waren es noch 70 Prozent. 51 Prozent aller Importe kommen seit Jahren gleichbleibend aus Großbritannien.

Diese Abhängigkeit von England zwang schon in den sechziger Jahren dazu, die wirtschaftliche Stabilität durch neue Märkte zu festigen. 1961 hatte Dublin mit London den ersten Beitrittsantrag gestellt, im Mai 1967 den zweiten, und war dann gemeinsam mit London Anfang 1973 EG-Mitglied geworden.