Von Stefan Lázár

Solingen erlebt in diesen Tagen eine ungewöhnliche Schachveranstaltung. Bei einem Großmeisterturnier bleibt eines der acht Bretter stets leer. Statt der allgemein üblichen 16 Teilnehmer treten diesmal nur 15 an. Den Fehlenden haben die Veranstalter kurzfristig ausgebootet. Der aus der Tschechoslowakei emigrierte Ludek Fachmann wurde von der Starterliste gestrichen, nachdem Exweltmeister Boris Spasski (UdSSR) und Großmeister Wolfgang Uhlmann (DDR) erklärten, sie würden sofort abreisen, sollte Pachmann am Turnier teilnehmen. Die Solinger Schachgemeinschaft beugte sich vor der Boykottdrohung, setzte ihr prominentestes Mitglied vor die Tür und schrieb damit ein neues Kapitel in dem seit Wochen schwelenden "Fall Pachmann".

Schon bei den nationalen Deutschen Meisterschaften Anfang Juni in Menden ließ das Spiel der Könige viel von seiner majestätischen Atmosphäre vermissen. Im Mittelpunkt standen nicht die fleißigen Bauern, die schnellen Läufer oder springenden Pferde, sondern ein handfester Krach. Ludek Pachmann, der aus Prag stammende und heute in der Bundesrepublik lebende Großmeister, durfte nicht starten. Der Deutsche Schachbund lehnte seinen Antrag zur Teilnahme ab und schuf damit eine Affäre, die bald die sportlichen Grenzen sprengte und zu einer politisch brisanten Angelegenheit wurde. Organisationen stellten sich hinter den Prager, die den Dachverband der politischen Diskriminierung beschuldigten, so die "Junge Union" oder der "Internationale Schutzverband deutschsprachiger Schriftsteller" mit Sitz in der Schweiz. Der Deutsche Schachbund, von spektakulären Vorkommnissen bisher verschont, befand sich plötzlich im Kreuzfeuer der Angriffe. Dabei war der Vorwurf, Pachmann aus politischen Gründen abgelehnt zu haben, nicht einmal aus der Luft gegriffen. Die ersten Vier der nationalen Meisterschaft sind nämlich bei den internationalen deutschen Titelkämpfen im nächsten Jahr automatisch spielberechtigt. Eine Teilnahme Pachmanns könnte aber einen Boykott der Ostblockspieler, insbesondere der Russen, mit sich bringen.

Bei einer Pressekonferenz in Menden wies Präsident Ludwig Schneider solche Überlegungen energisch von sich. Er zitierte die Turnierordnung: "Bei den nationalen Titelkämpfen dürfen nur Deutsche oder Ausländer, die seit mehr als fünf Jahren in der Bundesrepublik leben, teilnehmen."

Der 66jährige Präsident verschwieg allerdings einen weiteren Paragraphen, nachdem Staatenlose, also politische Flüchtlinge, nicht als Ausländer gelten. Zwar war diese Bestimmung grundsätzlich für Mannschaftswettbewerbe gedacht, doch wurde sie in den Statuten mit einer solchen Einschränkung nie fixiert. Es gab also selbst im Deutschen Schachbund Stimmen, die für eine Startberechtigung von Pachmann plädierten. Doch sie setzen sich nicht durch. Der Prager fühlte sich im Netz der Funktionäre gefangen, obwohl deren Sorgen nicht ganz unbegründet waren, denn die politische Vergangenheit des tschechoslowakischen Großmeisters und seine diesbezüglichen Aktivitäten jetzt und in der Zukunft sind bewegt.

Pachmanns Partie auf dem unberechenbaren Brett der Politik begann, als in der ČSSR Alexander Dubček das Ruder der Regierung in die Hand nahm. Die Hoffnungen des "Prager Frühlings waren nur kurzlebig. Die Freiheit erstarb bald unter den Panzerketten des Warschauer Paktes.

Der Dubček-Sympathisant Ludek Pachmann wanderte zuerst ins Gefängnis und nachher in die Emigration. Der achtmalige ČSSR-Meister kam 1972 nach Solingen. Die dortige Schachgemeinschaft griff ihm unter die Arme und verhalf ihm zu einer neuen Existenz. Doch Pachmann widmete sich nicht allein dem Schachspiel. Der Journalist und Publizist ließ keine Gelegenheit aus, seine politische Meinung kundzutun, um den Kampf gegen das offizielle Prag weiterzuführen.