Von Lothar Ruehl

Der Wert des Puddings", sagte Amerikas Verteidigungsminister James Schlesinger am 17. Juni vor der Reise seines Präsidenten und seines Kollegen Henry Kissinger nach Moskau zu neuen Verhandlungen mit den Russen, "erweist sich, wenn man ihn ißt." Wann Henry Kissingers Salt-Pudding in Washington gegessen wird, steht noch aus. Der Koch jedenfalls hat zu einem großen nationalen "debat-dejeuner" eingeladen, zu einer gewaltigen Diskussionsrunde, bei der ganz Amerika mit ihm zu Tische sitzen soll.

Der Außenminister und Anwalt für eine gemeinsame Sicherheitspolitik mit der russischen Gegenmacht sprach noch in Europa vor der Rückkehr nach Washington von einer "nationalen Debatte", die er in aller Öffentlichkeit über Rüstungsbegrenzungen und Sicherheitsabmachungen mit der Sowjetunion gegen seine Kritiker ausfechten will. Er versprach dafür sogar, das Staatsgeheimnis über militärische und technische Rüstungsdaten zu lüften, um diese Auseinandersetzung für die Nation verständlich zu machen.

Am 3. Juli in Moskau resümierte er seine langen Erläuterungen über die jüngsten Verhandlungsergebnisse und die weiteren Verhandlungsprobleme mit dem emphatischen Satz "Eine der Fragen, die wir uns als Land zu stellen haben, lautet: Was in Gottes Namen ist strategische Überlegenheit? Was ist ihre politische, was ihre militärische, was ihre operative Bedeutung in dieser Größenordnung, mit der wir es in Zukunft zu tun haben? Was kann man mit ihr anfangen?"

"Strategische Überlegenheit" ist in der Tat ein schillernder Begriff. Er steht für die Vorstellung, daß in der Zukunft, etwa ab 1980, die sowjetische Nuklearstreitmacht der amerikanischen in irgendeiner Weise "überlegen" sein könnte und daß daraus den USA ein wesentlicher, ja möglicherweise in einer internationalen Krise entscheidender politischer Nachteil entstehen könnte. Der Begriff ist nach Kissingers Ansicht aber damit noch keineswegs bestimmt, das Wesen dieses vorgestellten Zustands in der Zukunft noch immer nicht sinnvoll erklärt. Worin eigentlich besteht solche Überlegenheit, was ist der seltsame Zusatz, der auf das gegenseitige Verhältnis der Gefährdung gesetzt werden kann, um einen militärischen Vorteil herauszuholen? Ein Phantom?

Henry Kissinger will dieses Phantom fassen, das durch Amerika geistert und nach seiner Meinung genausoviel Unheil anrichten könnte wie einst John Kennedys rhetorische "Raketenlücke", von der später Kennedys eigener Verteidigungsminister Robert McNamara sagte, diese Vorstellung sei der Hauptgrund für einen gewaltigen amerikanischen Rüstungsschub gewesen. Beide Großmächte hätten sich damals durch ihre pessimistischen Einschätzungen beeinflußt. Dieses Phänomen der "Interaktion" habe die nukleare Rüstung auf beiden Seiten vorangetrieben.

Zehn Jahre später steht Amerika wieder vor der Frage, was die Russen eigentlich wollen, wie weit und wie stark sie aufzurüsten gedenken – diesmal über einen Gleichstand mit den Vereinigten Staaten hinaus. Verteidigungsminister Schlesinger erinnerte den Senatsausschuß im vergangenen Frühjahr an die verfehlten Erwartungen Ende der sechziger Jahre, als amerikanische Analytiker der sowjetischen Rüstungspolitik angenommen hatten, die Russen würden mit ihren Angriffsraketen nur so weit rüsten, bis sie einen zahlenmäßigen Gleichstand mit dem amerikanischen Raketenarsenal erreicht hätten. Man könne sich deshalb auf solche Annahmen für die eigene Planung nicht verlassen. Aber auch Schlesinger fordert keine "strategische Überlegenheit" für die USA, obwohl er dieser Vorstellung in den vergangenen Monaten recht nahe gekommen ist.