Wenn Leber, Niere oder Herz versagen, wenn bestimmte Teile des Gehirns nicht mehr regelgerecht funktionieren, große Teile der Haut verbrannt sind oder andere wichtige Organe nur noch fehlerhaft oder gar nicht mehr arbeiten, stirbt ein Mensch. So lautete jedenfalls lange Jahrhunderte die medizinische Lehrmeinung. Daß ein ganzes Bündel schwer faßbarer Faktoren den Sterbeprozeß beeinflussen, ist weithin nur in seinem positiven Sinne Allgemeingut, etwa wenn ein Mensch sich gegen erdrückende Krankheiten aufbäumt.

Psychische Faktoren können jedoch auch den Sterbeprozeß beschleunigen und sogar zum plötzlichen Tod führen. Zu diesem Ergebnis gelangten britische und amerikanische Forscher, nachdem sie die Begleitumstände bei einigen tausend Todesfällen analysiert hatten. Hilflosigkeit und Depression sind die häufigstgenannten psychischen Faktoren, die Sterben und Tod begünstigen.

Martin Seligman Psychologe an der University of Pennsylvania, glaubt, daß "menschliche Wesen sterben, wenn sie die Erfahrung aussichtsloser Hilflosigkeit gemacht haben". Als Beispiele nennt Seligman Tod eines nahestehenden Menschen, auf den der Überlebende sein Dasein ausgerichtet hatte und auf den er angewiesen war. Weitere lebensnegative Faktoren sind plötzlicher Verlust von Macht, Erfolg und schließlich "das Schwinden körperlicher Fähigkeiten im Alter".

Seligmans Kollege George Engel, Psychologe an der Universität von Rochester, überprüfte insgesamt 170 plötzliche Todesfälle, bei denen Menschen "auf der Stelle starben" (Engel), als sie sich in einer auswegslosen Lage wähnten. So hatte beispielsweise ein 45jähriger Mann geglaubt, nur der Umzug in eine andere Stadt könne seine persönliche Situation, die er nicht länger zu ertragen vermochte, bessern. Als er schon alles in die Wege geleitet hatte, entstanden plötzliche Schwierigkeiten, die seinen Fortgang unmöglich machten. Trotz der verzwickten Lage bestieg er den Zug, der ihn in seine neue Umgebung bringen sollte. Unterwegs verließ er während eines Zwischenstopps den Eisenbahnwagen, um einige Schritte auf dem Bahnsteig zu gehen. Als der Schaffner zum Einsteigen aufrief, geriet der Mann in Panik; US-Psychiater Engel: "Er hatte plötzlich das Gefühl, weder weiterfahren noch zurückkehren zu können. In diesem Moment fiel er tot um."

Britische Wissenschaftler werteten das Leben von rund 4500 Witwern aus. Während des ersten Halbjahres nach dem Tod ihrer Frauen starben insgesamt 213 der Männer. Im Vergleich zur normalen Sterberate der entsprechenden Altersgruppe, so errechneten die Forscher, war die Rate im beobachteten Kollektiv um 40 Prozent höher.

US-Psychiater Seligman berichtete über ähnliche Erfahrungen bei einer Gruppe von 55 über 65jährigen Frauen, die eine Aufnahme in ein Altersheim beantragten. Von 17 Frauen, deren einzige Alternative es war, in einem Heim ihren Lebensabend zu verbringen, starben innerhalb der ersten zehn Wochen Altersheim-Aufenthalt 16 Frauen. Von den übrigen 38 starb in der gleichen Zeit nur eine einzige Frau. Diese Gruppe hatte die Möglichkeit, beider Gestaltung ihres künftigen Lebens unter mehr als einer Lösung zu wählen.

Solche Ergebnisse verdeutlichen nach Ansicht des US-Psychiaters, daß die Jüngeren "viele unserer Mitbürger töten, wenn sie ihnen die Möglichkeit freier Entscheidungen erschweren und innen die Kontrolle über ihr eigenes Leben nehmen". Solch unbewußtes "Töten" könnte allerdings leicht verhindert werden. Denn schon die freie Wahl zwischen Spiegel- oder Rührei, zwischen einfarbigen oder bunten Gardinen in ihren Räumen trägt, wie Seligman ausführt, dazu bei, der von psychischen Streßfaktoren besonders gefährdeten Gruppe alter Menschen einen längeren und glücklicheren Lebensabend zu bereiten.