Von Eduard Neumaier

Es kann durchaus sein, daß der Münchner Parteitag der CSU in die Parteigeschichte der Union eingehen wird, wie Franz Josef Strauß es meinte. Der "Ruf von München" könnte den Tag markieren, an dem die CDU ihre geistige Selbständigkeit aufgegeben und sich der lärmenden Stimmführerschaft von Strauß gefügt hat.

Helmut Kohl und Karl Carstens haben nicht nur die Beschimpfungen der CDU durch Strauß widerspruchslos hingenommen, weil sie sich scheinbar gegen Barzel richteten – sie haben unnötigerweise auch den bramarbasierenden Stil ihres Gastgebers angenommen. Oberflächlich betrachtet haben sie damit nichts anderes getan als alle CDU-Redner in den vergangenen Jahren auch. Sie sind der urtümlichen, bodenständigen und zu Übertreibungen anregenden Atmosphäre dieser CSU-Treffen erlegen.

Und dennoch gibt es einen bedeutsamen Unterschied zu früheren Jahren: CDU und CSU waren damals durch programmatische Differenzen kaum voneinander getrennt. Die CDU war die gelegentlich gestichelte, aber doch respektierte große Schwester, solange sie noch schön, also im Besitz der Macht war. Das ist nicht mehr der Fall, seit die Unionsparteien allen sichtbar über die Ostverträge und im Gefolge auch über prinzipielle Fragen der Gesellschaftspolitik zerstritten sind und vor allem seitdem die Union die Bänke der Opposition drücken muß. Seit jenen Apriltagen 1972 hadert Franz Josef Strauß mit der CDU, der er Weichheit, Unentschlossenheit und Anpassung an den Zeitgeist vorwirft. In sich selber und in seiner CSU, wenn es denn sein muß mit einer vierten Partei, sieht er die Garantie zur Rückeroberung der Macht am Rhein. CSU-Bayern, das früher schon als Lebenselexier ganz Deutschlands empfohlen wurde ("Deutschland braucht Bayern"), soll nun sogar zum Ausgangspunkt europäischer Gesundung werden.

Diesen Anspruch zu beweisen ist der von Strauß unterlegte Sinn des 27. Oktober 1974, dem Tag der Landtagswahl. Dann wird in Bayern – und was ihm noch zusätzliches Gewicht gibt: auch in Dreggers Hessen – der Weg der Union entschieden. Wenn das Konzept von Strauß in Bayern den vermuteten Erfolg bringt und in Hessen ein erklecklicher Zugewinn zu verzeichnen wäre, dann wird die Strauß-Dregger-Variante von Opposition die CDU neu infizieren.

Jene immer noch wenigen, die seit der Ablösung Barzels mühsam genug versuchen, die CDU ohne allzu modische Verkrümmungen zu einer problembewußten Partei zu machen, hätten dann gewiß einen noch schwereren Stand. Begünstigt durch die tiefe Depression nach der Wahlniederlage von 1972, aufgefrischt durch den CDU-Parteitag in Hamburg, erquickt durch stolze Wahlerfolge von Hamburg bis Niedersachsen hatten sie es verhältnismäßig leicht gehabt, in der CDU für ihr Programm Verständnis zu finden – und immerhin haben die Erfolge der CDU Franz Josef Strauß zu denken gegeben. Inzwischen aber wächst in der Union der Zweifel, ob Helmut Schmidt, der neue Mann an der Spitze der Bonner Koalition, mit seiner entschlossene Führungskraft zeigenden Manier das Siegen weiterhin so leicht macht, und ob er überhaupt zu stoppen ist.

Die CSU von Strauß vertraut auf den altbewährten Knüppel. Mußte einem Mann wie Kohl, der sich bei den vergangenen Landtagswahlkämpfen um Fairneß bemüht hatte, in München nicht das Grausen ankommen, daß politische Gegner als Schwächlinge, als Maulaffen, als Surrogate von irgendwas, als Ausverkäufer, Schwindler, als verkappte Marxisten bezeichnet wurden? Alles, was die Koalition politisch anpackt, Steuerreform, Mitbestimmung, Vermögensbildung, Berufsausbildung und Hochschulbildung, Demokratisierung, kurzerhand als Hilfen des Sozialismus zu denunzieren – dies schließt eigentlich jede politische Mitarbeit auch im Bundesrat aus. Aber ist mit solch totaler Opposition der Weg zurück zur Macht wirklich freizukämpfen? Mit einer solchen Politik ist das ideologisch unverdächtige Gespann Schmidt/Genscher wohl kaum zu schlagen.

Man sollte meinen, daß die Köpfe in der CDU kühl genug seien, die bayerischen Zumutungen abzulehnen und endlich einmal klarzustellen, daß die CSU ohne CDU ein Zwerg wäre. Vielleicht war es zuviel verlangt, die CSU in deren Münchner Löwenkäfig zu rüffeln. Vor den Wahlen in Bayern und Hessen wäre Hauskrach nicht zu verantworten. Andererseits ist es ebenso unverantwortlich, sich in aller Öffentlichkeit zur Tanztruppe des Franz Josef Strauß machen zu lassen. Jedenfalls ist es vergebliche Liebesmüh, den bayerischen Löwen durch Kraulen zum Schnurren zu bringen. Das haben vor Kohl und Carstens schon andere versucht – und sind dann gefressen worden.