München

Mit dem Schlußpfiff des englischen Schiedsrichters Taylor beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft im Münchner Olympia-Stadion endete für Millionen Fans das große Zittern. Für die Manager des Versicherungs- und Wirtschaftsdienst (VWD) am Amiraplatz der Isarmetropole begann zu diesem Zeitpunkt aber erst das große Bangen: Seit rund 25 Jahren auf die Versicherung von Mammutveranstaltungen spezialisiert, haben die Makler mit 100 Millionen Mark alle möglichen und unmöglichen Risiken dieser WM abgedeckt.

Böse Erfahrungen mußten sie allerdings schon 1972 bei den Olympischen Spielen machen. Damals hatten die beteiligten Versicherungen für die 120 Millionen Versicherungssumme zwar 300 000 Mark an Prämien kassiert, aber mehr als 350 000 Mark für Schäden ausbezahlen müssen – hauptsächlich zur Regulierung von Diebstählen. Alfred Breitenwieser, einer der beiden VWD-Direktoren, kann es heute noch nicht fassen: "Damals verschwanden nicht nur Fernseher, Büroeinrichtungen oder irgendwelche Kleinigkeiten. Sogar ein ganzer Schalttisch der Fernsehleute wurde gestohlen. Da waren eindeutig Profis am Werk."

Und die ließen sich die WM nicht entgehen. Noch während der Spiele gingen die ersten Schadensmeldungen ein. Breitenwieser ist noch immer fassungslos: "Aus dem DOZ (der Zentrale für die Fernsehübertragungen) wurden schon in den ersten zwei WM-Wochen vier Farbfernseher gestohlen. Und das, obwohl das DOZ, wie eine Festung gesichert, von einer kleinen Armee bewacht wurde. Vor dem Gebäude stand sogar noch ein Panzerwagen." Doch nicht so sehr die Tatsache, daß sich Fernseher auch jetzt noch größter Beliebtheit bei den Dieben erfreuen, entnervt den Versicherungskaufmann: "Es sind die absonderlichsten Kleinigkeiten, die da in Mengen ,abgestaubt’ wurden. So verschwanden Frankfurter Telephonbücher ebenso spurlos wie Riesenmengen Tesafilm und Schreibmaschinen." Als Täter kommen für die Versicherungs-Spezialisten auch Journalisten und Fußball-Funktionäre in Frage: "Als im Frankfurter Polizeibericht erwähnt wurde, daß mit der Anreise von mindestens 50 Taschendieben zu rechnen sei, vergaß die Polizei offensichtlich, die WM-Offiziellen mitzuzählen."

Besonders verbittert ist Breitenwieser über einen Bierabend, den eine Münchner Brauerei mit großem Aufwand in Frankfurt veranstaltete: "Da war zum Schluß außer dem Bierwagen und dem Schaber (Schürze) des Schenkkellners nichts mehr da. Der Wagen stand nur noch, weil er zu schwer war, und der Schaber, weil ihn der Zapfer wie ein Verrückter den ganzen Abend lang verteidigte. Aber Fahnen, Bierfilze, Krüge oder Plakate waren; nirgends mehr zu entdecken. Sogar ein Gartenschirm wurde noch geklaut. Eigentlich ist dies nur mit der konsumierten Alkoholmenge zu erklären. Denn immerhin würden innerhalb von drei Stunden acht Hektoliter Bier getrunken."

Am meisten wird freilich erst beim Abbau gestohlen. Diese Erfahrung mußte Breitenwieser auch schon bei der Olympiade machen: "Damals fuhr sogar ein Lieferwagen vor und lud technische Geräte ein. Eine ganze Ladung Monitore, Kopfhörer und Kommentatoreinheiten verschwand auf diese Weise spurlos. Wir rechnen auch diesmal mit einem Schaden von mindestens 100 000 Mark."

Für einen bereits gemeldeten Schaden wollen die Versicherungen allerdings bestimmt nicht bezahlen: Sie hafteten, wenn bei den teuer verkauften Fußballübertragungen durch Verschulden des DOZ die Bildübermittlung gestört oder unterbrochen wurde. Zaire meldete deshalb schon Ansprüche an: die Spiele seiner Mannschaft waren im afrikanischen Staat kaum zu empfangen gewesen. Inzwischen eingeleitete Nachforschungen ergaben, daß die Satellitenübertragung zur Goldküste tadellos funktioniert hatte. Doch die dortige Relaisstation hatte nicht weiter gesendet. Begründung des verantwortlichen Afrikaners: "Wir wußten gar nicht, daß da noch was zu machen ist." Ludwig Tränkner