Der hypertrophierte oberste Wert der Zweckmäßigkeit, unsere hypertrophisch zweckmäßigen Städte, haben hypertrophe Reaktionen, haben exotische Fluchtburgen zur Folge. Das neu erwachte Interesse an Kitsch und Trivialem mag Entlarvung zum Ziel haben; doch bleibt solche Kritik ohne Maßstab, wenn sie nicht den Kitsch als Zeichen mangelnden Erlebnisreichtums erkennt, wenn sie nicht die "Röhrenden Hirsche" der Architektur vor dem Hintergrund der funk tionalistischen Stadt bewertet.

Heinrich Klotz in der "Bauwelt" (Heft 26/1974) über Ferienarchitektur

Ota Filip ausgebürgert

Auch die schäbige Kulturpolitik des Sozialismus Moskauer Machart wird nun von denen importiert, die 1968 in der Tschechoslowakei Dub-čeks Versuch eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" gestoppt haben: Nachdem die Sowjetunion Solschenizyn ausgebürgert hat, zieht die ČSSR nach, indem sie am 10. Juli den Schriftsteller Ota Filip "aus der Staatsbürgerschaft der ČSSR entlassen" hat. Der 1930 in Ostrava (Mährisch-Ostrau) geborene Autor mußte sofort seine Heimat verlassen, da für ihn der "Schutz der Gesetze nicht mehr gilt". Im eigenen Wagen durfte er, außer der aus der UdSSR stammenden Frau und den beiden Kindern, auch Bücher und Manuskripte mit nach München nehmen, wo er in Zukunft leben will. Zwangsverschickungen sind für Filip nichts Neues. Der Sportredakteur der kommunistischen Jugendzeitung "Mladá fronta" trat 1959 in die KPČ ein, wurde aber bereits 1960 ausgeschlossen und in eine Kohlengrube geschickt, ohne daß er je den Grund für die Verbannung erfahren hätte. Kaum freigelassen, wurde er erneut zu Zwangsarbeit verdammt. Der als Hilfsarbeiter tätige Romancier begrüßte den "Prager Frühling" – und wurde dafür 1969 von Husak und Strougal, "wegen Unterwühlung von Staat und Gesellschaft", zu achtzehn Monaten Haft verurteilt, von denen er fünfzehn absitzen mußte. Seither arbeitete er als Milchfahrer. Filip, der erst im "Prager Frühling" publizieren (und als Lektor beim Profil-Verlag in Ostrava angemessene Arbeit finden) konnte, ist mit seinen Romanen "Das Café an der Straße zum Friedhof" (1968), "Ein Narr für jede Stadt" (1969), "Die Himmelfahrt des Lojzek Lapáček aus Schlesisch Ostrau" (1973) rasch international zu Ansehen gekommen. Im Koffer brachte Filip den zweiten Band der "Himmelfahrt" mit. Der Roman, der das Ende des "Prager Frühlings" und den Einmarsch der Armeen der sozialistischen "Bruderstaaten" am 21. August 1968 schildert, soll noch in diesem Jahr bei S. Fischer erscheinen.

Zum Fürchten

Der Geiger Günter Karpinski, Mitglied des Philharmonischen Staatsorchesters in Hamburg, muß nunmehr mit der Oper zum Gastspiel nach Israel reisen, auch wenn ihm die Knie schlottern. Das Arbeitsgericht wies seine Klage ab und widersprach seiner Vermutung, bei Israel handele es sich zur Zeit um ein lebensgefährdendes Krisengebiet; nur wenn kurz vor der Abreise zum "Israel-Festival", wo die Hamburgische Staatsoper vom 20. bis 27. August Schönbergs "Moses und Aaron" sowie Prokofieffs Ballett "Romeo und Julia" aufführen will, ein regelrechter Krieg ausbräche, dürfte der Musiker die Mitreise verweigern – und mit ihm noch etliche Kollegen vom Orchester, die sich ihm angeschlossen hätten. Interessant ist an diesem Vorgang dreierlei: erstens, daß es weder Sänger noch Bühnenarbeiter noch andere, sondern Orchestermusiker waren, die um ihre Sicherheit bange waren; zweitens, daß Versorgungs- und Sicherheitsdenken sich stärker gegenseitig anregen, als gedacht; drittens, daß jeder auf seine körperliche Unversehrtheit bedachte Bürger am besten daran tut, seinen Wohnort nicht zu verändern, denn wo ist heute, im Zeitalter grenzenloser Mobilität von Aggressoren, Terroristen, Hijackern, Kidnappern, Erpressern, kein Krisengebiet? Zu schweigen, daß man im Mittelländischen wie im Steinhuder Meer ertrinken, mit dem Flugzeug abstürzen, mit dem Auto, gegen einen Baum fahren, auf einer Treppe ausgleiten kann – aber wo führt das hin. Das Leben, so sagte gewiß ein Dichter, ist der gefährlichsten eines.

Vier Fäuste für Bad Hersfeld