Von Gabriele Venzky

Makarios lebt von Tag zu Tag," so hatte schon im März der türkische Vizepräsident von Zypern, Rauf Denktasch, gewarnt. Gefahr war freilich immer das Geschäft von Makarios, seit er 1959 zum Präsidenten gewählt worden war. Aber im März hatten die politischen Leidenschaften, auf die vor vierzehn Jahren die Konstruktion einer unabhängigen Inselrepublik Zypern gestülpt worden war, wieder gefährlich zu brodeln begonnen: die griechischtürkischen Fronten brachen abermals auf, die griechischen Militärs in Athen schmiedeten Pläne zur Annexion der Insel, die Spannung auf Zypern, die Unsicherheit stieg täglich. Zu Beginn dieses Monats lieferte Makarios dann selber den Funken zur Explosion. Nachdem er sich in Gesprächen mit den Sowjets und dem amerikanischen Außenminister Kissinger rückversichert hatte, forderte er von den Athener Militärs die Rückberufung der 650 kommandierenden griechischen Offiziere der zyprischen Nationalgarde.

"Ich habe," schrieb Makarios an den Präsidenten der griechischen Junta, General Gizikis, "bisher mehr als einmal den unsichtbaren Arm Athens gefühlt, in einigen Fällen habe ich ihn, der mein Leben auslöschen sollte, sogar berührt." Viermal in den vergangenen fünf Jahren entging der Erzbischof dem tödlichen Zugriff. Jedesmal hatte Athen seine Hand im Spiel gehabt, einmal mehr, einmal weniger diskret. Am Montag geschah es fast unverhüllt. Zweifel kann es nicht geben, auf wessen Geheiß die griechischen Offiziere handelten, und ihre Verbündeten, der heimatlose Haufe unzufriedener Anhänger des im Januar gestorbenen General Grivas. Auftrag und Ziel waren gleich: die Enosis, der Anschluß der unabhängigen Inselrepublik an Griechenland.

Den Putschisten ist nicht gelungen, in den ersten Stunden ihrer Gegner habhaft zu werden; noch am gleichen Tag rief Makarios sein Volk zum Widerstand und die Welt zum Beistand auf. Das zeugt nicht nur für ihren Dilettantismus, sondern beweist auch, wie sehr sie den machtgewohnten Mönch unterschätzten. Die Ereignisse der letzten 25 Jahre hätten eigentlich auch ihnen zeigen müssen, daß sie es mit einem Gegner zu tun hatten, der sich in den schmutzigsten Ecken der Politik ebenso gut auskennt wie in den Gebetbüchern Seiner Kirche – ein Mann, der unbeirrt von Widerstand, Bürgerkrieg und Exkommunikation mit einem ausgeprägten Sinn fürs Überleben den Weg der Macht gegangen ist – und der immer Verbündete gefunden hat.

Was immer das Motiv war, gerade jetzt loszuschlagen, ob es den Athener Obristen darum ging, dem eigenen schwächlichen Regime den Anschein von Durchsetzungskraft zu geben, ob sie den gefährlichen Konkurrenten fürchteten, ob Machtgier sie trieb – darüber wird man noch lange streiten. Unzweifelhaft aber ist, daß die Folgen verheerend sind. Bedenkenlos setzte das Nato-Mitglied Griechenland, um Makarios auszuschalten, das ohnehin labile Gleichgewicht im östlichen Mittelmeer aufs Spiel.

Von Ost und West umworben

Dabei sind die Interessen von Türken und Griechen, so wichtig sie für die Betroffenen auch sein mögen, nur vordergründig von Bedeutung. Denn hier treffen die Interessen der Großen aufeinander; der Vereinigten Staaten, der Nato und der Sowjetunion. So wie in der Vergangenheit, als sie bestrebt waren, die feindlichen Parteien durch 2000 UN-Soldaten zu trennen, als sie sich mühten, die Insel aus dem Nahostkonflikt herauszuhalten, so liegt es auch jetzt nicht in ihrem Interesse, das Gleichgewicht durch einen Krieg der Kleinen aus dem Lot geraten zu lassen.