Von Horst Krüger

Man kennt dieses eigentlich gedrückte Klima unter Literaten? Ich würde es feineren Mißmut bis Verdrossenheit nennen. Ob das nun eine Akademie ist, der PEN-Club, früher die Gruppe 47 oder heute irgendein Werkkreis für Literatur: wo immer Autoren zusammenhocken, jedenfalls in Deutschland, ist ihre Stimmung verbittert bis depressiv. Schriftsteller sind vorwiegend düster gestimmt: sie sehen eben mehr und tiefer. Ob sich das nun privat oder politisch artikuliert: eigentlich ist alles merde. Man ist schlechter Laune, was ja auch eine Art von Befriedigung erzeugt. Plötzlich aber steht einer auf und sagt sehr bestimmt: "Ich muß jetzt zum Funk. Ich hab’ eine Aufnahme um fünf." Sogleich hellt sich die Szene deutlich auf. Ein Sonnenstrahl fiel in das dunkle Tal. Heitere Teilnahme, fröhlicher Aufblick, vielleicht auch ein Anflug von Neid? Aha ja, zum Funk müssen Sie? Da sind Sie ja fein raus. Was machen Sie da: singen oder reden?

Das Wort Funk hat bei Autoren einen guten Klang. Es wirkt wie Sekt, macht müde Gesichter munter. Funk, das heißt etwas Festes, Solides, etwas Handgreifliches im Umkreise der Seiltänzer und Wortakrobaten. Eine ungesicherte, durchaus unsolide Berufsgruppe, die eben der freien Autoren, riecht hier mit sicherem Künstlerinstinkt jene Mischung aus Geist und Geld, Bindung und Freiheit, die genau nach ihrem Geschmack ist. Sich mit der Welt einlassen, aber nicht zu sehr; etwas leisten, aber nicht auf Dauer.

Was ich hier sage, kommt nicht aus freundlichen Phantasien, am Schreibtisch erdacht. Es kommt aus solider, immerhin fünfundzwanzigjähriger Erfahrung von diesseits und jenseits des Redaktionsschreibtisches. Ich kenne den Laden, als Redakteur und als Autor. So leicht macht mir da niemand was vor, wenn ich zum Beispiel sage: Funk fördert Zuversicht bei Autoren. Er ist immer noch das probateste Mittel gegen Melancholie und Verdrossenheit. Schon die Funkhäuser bewirken das. Die meisten sind von strahlender Helligkeit, von einer Modernität und technischen Opulenz, die dem Autor schon am Eingang ganz unmißverständlich demonstrieren, wie gut es der Kultur gehen muß, hierzulande. Der Funk kennt zwar auch rote Zahlen, er jongliert immer am Abgrund, wie man hört, aber wenn man so als freier Schreiber aus seiner glanzlosen Dreizimmer-Edeka-Wohnung dahin kommt, ins Funkhaus, merkt man das nicht. Man ist eher geblendet von Wohlstand. Das wirkt schon sehr imponierend: so viel Chrom, soviel Glas und schöner Glanz.

Dann die Geschäftigkeit in dem Glashaus. Viele Leute laufen in endlosen Fluren mit sehr ernsten Mienen herum, die zeigen, daß sie im Dienst sind. Sie laufen mit Sendefahrplänen, mit Tonbändern, mit Akten. Sie haben immer keine Zeit, weil sie gerade in eine Sitzung müssen, außerdem noch ein Band cutten müssen. Trotzdem läßt es sich gut mit ihnen plaudern. Sie sind von zeitloser Eile. Eine Orgie betriebsamer Arbeitslust ist jedes Funkhaus; jedenfalls scheint es so dem Eintretenden. Der Autor, eher aus Stille und Selbstzweifeln kommend, sieht plötzlich ganz überzeugend: Das Leben ist schön, die Welt ist sinnvoll; du selbst mußt auch irgendwie nützlich sein. Alles hat seinen Sinn hier. Auch was du jetzt sprechen wirst, muß wichtig sein. Dieser riesige Apparat saugt das jetzt an, nimmt deine Sache auf, gibt sie dann wieder von sich, etwas sonorer im Ton und mit einer sehr klugen Ansage versehen. Tatsächlich scheint dem Autor sein Produkt am Lautsprecher immer etwas weniger mißlungen als zu Hause am Schreibtisch. Funk fördert eben Zuversicht.

Was weiter? Der Autor eilt durch endlose Flure. Er fährt viele Stockwerke hoch mit dem Lift, oben wieder diese endlosen Flure, an unzähligen, winzigen Zimmerchen vorbei, an deren Türen zu lesen ist: Landfunk 2, Politik 1, Kirchenfunk, Frau und Gesellschaft, Samstagabend, Redaktion Service-Welle. Ach, dieses Warenhaus unserer Kulturindustrie! Der Autor ist so glücklich, an allen Türen vorbeigehen zu können. Gott sei Dank, denkt er, dem Himmel sei Lob, daß du hier nicht sitzen mußt. Die Ärmsten da hinter den Türen müssen in engen Zellen wie Gefängnisinsassen die wirkliche Arbeit tun: Tüten kleben. Galeerensträflinge der Kulturindustrie. Niemand wird ihnen später ein Denkmal setzen. Sie sitzen vor Stößen von Manuskripten, Unterschriftmappen, Ansagebelegen, Dienstreise-Anträgen, Pressediensten, Bergen von unerledigter Post. Sie werden ein Leben lang auf mäßige Manuskripte "Erster Sprecher", "Zweiter Sprecher", "Zitatsprecher" schreiben, all diese lustlosen Riten einer vorprogrammierten Welt. Sie werden in spiegelblanken Kantinen eine magere Mahlzeit erhalten und bleiben doch immer freundlich, munter, aufgekratzt, wenn der Autor dann eintritt. Funkleute sind anregend. Sie sprühen meistens vor Einfällen, Ideen, letzten Informationen. Sie sagen: Darüber wollte ich schon immer einmal schreiben, aber tun es dann nicht. Funk muß in der Tiefe etwas Erotisches sein, denke ich manchmal. Wer das nicht mit Passion und Lust, also mit ganzer Existenz macht, sollte die Finger davon lassen. Es gibt nur eine Sünde wider den Geist des Rundfunks, die unverzeihlich ist. Sie heißt Langweiligkeit. Das war eine fade und langweilige Sendung! Für mich wäre das im Wiederholungsfall ein Kündigungsgrund und zwar fristlos. Aber niemand sollte sich sorgen. So etwas hat es noch nie gegeben im deutschen Rundfunk.

Anderes kommt hinzu. Es sage nur niemand, der Hörfunk sei im Zeitalter des Fernsehen wirkungslos. Man wird gehört. Es kommt Echo zurück. Nur die Sendezeiten haben sich verschoben. An Hörerpost ist ja wahrlich kein Mangel. Der Hörerbrief, der mir am liebsten ist, lautet so: "Werter Herr, wir haben Sie neulich im Autoradio gehört, ganz zufällig zwischen Bamberg und Würzburg. Eigentlich wollten wir Fußball hören, aber Sie werden es nicht glauben: Ihr Vortrag hat uns so fasziniert, daß wir dran blieben. Wir haben am nächsten Parkplatz die Fahrt unterbrochen, um Ihre Sendung in Ruhe zu Ende zu hören. Meine Frau war so ergriffen und läßt fragen, ob Sie auch schon anderes geschrieben haben? Schicken Sie uns bitte ein Manuskript Ihres Vortrags. Hochachtungsvoll! Anbei sechzig Pfennige." Ich meine, dann weiß man, daß man angekommen ist als Schreiber. Man hat Menschen erreicht im Wort.