Liederliche Sprachkritik eines konservativen Nörglers

Von Manfred Sack

Landauf, landab sangen ihm, dem Feuilletonisten, die Feuilletonisten ein hohes Lied des Lobes: Endlich ein couragierter und pfiffiger Mann, der dem modischen Wörtergewese zuleibe rückt, dem Vokabelunkraut, das auf den Feldern unserer Sprache die Ernte verdirbt. Endlich also ein Ackersmann, der den Strohhut in die Stirne drückt, die Hacke in beide Hände nimmt und ordentlich jätet.

Nur schlägt der Sprachreiniger damit viel lieber um sich, als daß er sich bückt. Und wenn man im traditionellen Bild vom Garten der Sprache bleibt, muß man dem Autor auch noch vorwerfen, nicht nur liederlich gejätet, sondern obendrein neues Unkraut gesät zu haben. Sein Buch ist oberflächlich und reaktionär dazu –

Hans Weigel: "Die Leiden der jungen Wörter" – Ein Antiwörterbuch; Artemis Verlag, München, 1974; 176 S., 19,80 DM.

Jedermann, dem die Sprache Handwerkszeug ist, kennt ihre Empfänglichkeit für modische Neubildungen ebenso wie für gedankenlose Verwachsungen, auch ihre Bereitschaft, sie aufzunehmen statt abzustoßen. Kein Buch belegt diese Diagnose so klar wie der Duden – und keins eröffnet einem auch so schmerzlich, daß es beinahe keine Therapie gibt, die bei der Behandlung sprachlicher Entstellungen einigen Erfolg verspräche. Doch wie man von einem Arzt erwartet, daß sein Tun wenn nicht gleich Heilung, so doch Linderung erhoffen lasse, so pflanzt jede Sprachkritik von neuem die Hoffnung auf, die redenden und schreibenden Landsleute würden wenigstens ihrer Gedankenlosigkeiten beim Gebrauch der Sprache inne. Das gilt für alle Kritiker, für Süskind, Storz und Sternberger wie für Mechtilde Lichnowsky oder Karl Korn, für den ungemein geduldigen, von Autorenruhm ausgenommenen Ernst Tormen im "Tagesspiegel" wie für den Sprachbriefe-Schreiber Werner Staib, auch für Richard Wagners Redakteur Hans von Wolzogen und nun für seinen gesinnungsverwandten Kollegen Hans Weigel.

Selbstverständlich findet er im Wörterschrank der Gegenwart haufenweise häßliche, verwachsene, lächerliche, falsch verwendete Wörter: (Preise) anheben, (Themen) ausklammern, (danken) dürfen, echt, einplanen, einmal mehr, erstellen, Fehlleistung, (an jemanden einen Wunsch) herantragen, herauskristallisieren, in sein, Moderator, Motivation, (ein dokumentarisches) Papier, Problematik, (süddeutscher) Raum, relevant, Repression, schulisch, Schwerpunkt, signifikant, Stellenwert, Struktur, Technologie, (zum) Tragen (kommen), unabdingbar, (Redner, welche) unterstreichen, verkraften, verunsichern – um nur ein paar zu erwähnen.