Dies war ohne Zweifel eine wichtige, eine nützliche Sendung: "Mit Lust und Liebe", die fünfte Folge des ZDF-Elternmagazins "Kinder Kinder". Nützlich auch deshalb, weil sie zu einer Zeit ausgestrahlt wurde (Montagabend, viertel nach acht), in der auch noch jene Menschen zusehen konnten, um die es hier vor allem ging: die Kinder.

Wahrscheinlich war es auch eine mutige Sendung: dieses warmherzige Werben für "Zärtlichkeit, Unbefangenheit und Freiheit" im kindlichen und jugendlichen Sexualleben; mutig im Rahmen des in Mainz Möglichen, in den Grenzen, die eine noch immer verängstigte öffentliche Moral und eine noch immer verängstigte öffentliche Fernsehanstalt setzen.

Zweierlei machte die Sendung aufregend sichtbar: wie immerhin beachtlich die Freiheiten sind, die sich couragierte Einzelne in einem vom Proporz verpesteten, von Taktikern besetzten Sender erkämpfen können. Aber auch: daß diese neue Freiheit eine kleine Freiheit ist; eine, die zwar nicht mehr leisetreten, aber immer noch leise, zu leise, sprechen muß.

Man kann für Unbefangenheit (den kindlichen Sexualspielen gegenüber) plädieren – aber man kann selber diese Unbefangenheit ganz und gar nicht praktizieren. Zwei nackte Kinder, die sich in der Badewanne mit sicht- und hörbarem Vergnügen einseifen, kann man zeigen; doch bevor sich das Kinderspiel den Geschlechtsorganen zuwendet, schlägt die Kamera die Augen nieder. Man kann die körperliche Lust "eine gute Sache" nennen – aber nur, wenn man es immer "ausgewogen" tut, immer von "Lust und Liebe", "Leib und Seele" spricht, also die physische Vokabel mit einer metaphysischen rechtfertigt. Das war der heikle (oft untaugliche) Versuch, eine Synthese zu finden zwischen aufklärerischem Impuls und holzamerischem Philosophieren.

In ihren besten Momenten war diese Sendung präzise, nannte die Onanie Onanie und ein Präservativ ein Präservativ. In ihren fragwürdigen Sequenzen redete sie so ähnlich über Sexualität wie der ZDF-Intendant über das "Leben an sich" redet – die "große Behutsamkeit", die sich die Redakteure vorgenommen hatten, schlug um in die große Betulichkeit, in ein sanftes (harmoniesüchtiges, konfliktscheues) Predigen für "Schöner Lieben" – damit das Kind "später Liebe und Wohlbehagen verschenken kann".

Sichtbar wurde an solchen Unsicherheiten aber mehr als eine Mainzer Misere. Sichtbar wurde unser aller Schwierigkeit, über Sexualität vernünftig und phantasievoll zu reden. Im Anzeigenteil der Zeitungen lesen wir, und lesen Kinder andauernd Sexuallyrik wie diese: "Verführerinnen-Report – beiß zu, die Frucht ist jung und saftig. Lesbische Liebe, Gruppensex, heißblütige Mönche, wilde Fotomodelle, ausgehungerte Hausfrauen". Das ist die vulgäre Variante unserer Sexualsprache. Das ZDF zeigte die vorsichtige Variante. Dazwischen aber, zwischen dem Kloakenjargon und dem Reden mit Blumen und Wolken, herrscht eine tiefe Sprachlosigkeit. Und das Zweckvokabular der Mediziner, das karge Sprechen von "Glied" und "Scheide", wird dieses Vakuum auch nicht füllen können.

Sprache zu finden, hieße, Ängste zu verlieren. "Wenn man immer Angst dabei hat, macht’s auch keinen Spaß", sagte ein Mädchen in der ZDF-Sendung und meinte ihr Liebesleben. Ein schöner Satz – auch für Familien, auch für Fernsehanstalten.