Von W. G. Sebald

Wer die graue Nordsee überquert hat, dem öffnet sich, wenn er am Morgen in Harwich wieder Land gewinnt, die weite ostenglische Provinz, von der aus man einst leichter nach Amsterdam als nach London gelangte und die auch, nachdem sie von der Bahn erschlossen war, in ihrem exzentrischen Dasein verharrte.

Folgen Sie zunächst einem verwinkelten Sträßchen nach Manningtree, East Bergholt und Ipswich, das Sie am besten, ohne sich umzusehen Richtung Woodbridge durchqueren. Mit etwas Glück kommen Sie hier noch zum Frühstück zurecht, etwa im Crown Hotel oder im Bull, in dem Lord Tennyson und Edward Fitzgerald mit Vorliebe einkehrten, letzterer der famose Übersetzer Omar Kayyams, welcher stets mit festgebundenem Zylinder segeln ging. In einem der beiden Häuser findet sich gewiß ein Platz für die Nacht, sofern Sie nicht vorziehen, etwas außerhalb in Seckford Hall zu logieren, um dem angeblich noch umgehenden Thomas Seckford Ihre Aufwartung zu machen.

Es ist nun an der Zeit, die erste Exkursion zu unternehmen, etwa in die Sandlings, eine von Fasanen bevölkerte Gegend, die zum Meer hin liegt. In Sutton Hoo, wo vor dreizehnhundert Jahren ein grandioses Schiffsbegräbnis zelebriert wurde, können Sie die Leere der Vergänglichkeit studieren, eh’ Sie durch den Wald von Rendlesham zum Dörfchen Butley fahren. Hier soll es eine noch nicht verhunzte Wirtschaft geben; leisten Sie sich also ein Glas, denn am Nachmittag ist ja wieder alles dicht.

Von Butley sind es kaum vier Kilometer nach Orford, Besteigen Sie zunächst den Turm der Kirche, um einen Begriff zu bekommen von der sehr eigenartigen Umgebung. Parallel zur Küste fließt da der Fluß Ore, vom Meer nur durch eine ganz schmale, aber 15 km lange Kiesbank getrennt, auf die man mit einem kleinen Fährschiffchen übersetzen kann. Orford selbst hat ein Castle aus dem 12. Jahrhundert und ein Restaurant für geräucherte Viktualien, inklusive Aal, in dem Sie einiges einkaufen sollten, denn gleich nordwärts liegt Iken, ein Platz, der eine einmalige Aussicht über das weite Bett der Aide gewährt und sich geradezu offeriert für ein piquenique en campagne. Es ist von hier nicht weit nach Aldeburgh, wo allsommerlich von Benjamin Britten protegierte Festwochen stattfinden.

In einer halben Stunde können Sie schon wieder in Woodbridge retour sein, eben günstig zum Abendessen, wonach Sie, die späte Dämmerung ausnützend, noch eine kleine Tour ans Meer hinab machen sollten, nach Shingle Street, einer windigen Häuserzeile an desolater Küste, wo Sie auf den Geschmack der ostenglischen Melancholie und das Bedürfnis nach einer hochprozentigen nightcap kommen können.

Der nächste Morgen sieht Sie auf dem Weg nach Framlingham zu einem enormen, dreizehntürmigen Castle, das heimkehrende Kreuzfahrer nach sarazenischem Muster errichtet haben. Vom Wehrgang der eindrucksvollen Anlage sehen Sie über die hübsche Stadt bis weit ins Land hinaus. Dennington, einen Sprung nördlich, weist eine Kirche auf, die in ihrer großen Einfachheit ein hervorragendes Exempel ist in dem an Kirchen mehr als nur reichhaltigen East Anglia. Wenn Sie abends in Southwold sein möchten, das ich Ihnen zum zweiten Aufenthalt empfehle, stehen Ihnen jetzt zwei Wege offen. Entweder, fahren Sie über Heveningham, wo sich ein der Inspektion wohl wertes Landschloß aus dem 18. Jahrhundert findet, oder zunächst nordwestwärts über den ausgesprochen schönen Ort Eye und von dort über Fressingfield, das sinnigerweise ein renommiertes Restaurant beherbergt, wieder östlich zur Küste hinunter.