Von Robert Neundorf

Vor einem Jahr ging die Meldung durch die Presse, daß in Brasilien immer häufiger Schwärme agressiver Honigbienen auftauchen und ganze Dörfer in Angst und Schrecken versetzen. In den Berichten hieß es, Menschen und Tiere seien von den Bienen angefallen und zu Tode gestochen worden.

Die Meldung war – leider – korrekt. Die sogenannten afrikanischen Honigbienen (Apis mellifera adansonii) treiben in Brasilien weiterhin ihr Unwesen. Sie haben die einheimische, aus Europa stammende und friedliche Honigbiene (Apis mellifera mellifera) zu einem Teil ausgemerzt und längst die Grenzen Brasiliens überschritten. Sie etablierten sich in Argentinien, Uruguay, Peru und Venezuela und fliegen jetzt mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometer pro Jahr nordwärts. In den USA werden sie in etwa zehn bis vierzehn Jahren erwartet.

Diese Bedrohung veranlaßte das amerikanische Landwirtschaftsministerium, eine Wissenschaftlerkommission nach Südamerika zu entsenden, um das Ausmaß der Gefahr zu studieren und mögliche Gegenmaßnahmen zu erwägen. Der Bericht der Zoologen und Agronomen wurde jetzt in Washington veröffentlicht.

Die afrikanische Honigbiene stammt aus Tansania und Südafrika. 1956 hatte ein brasilianischer Wissenschaftler die unglückliche Idee, die Biene mit in die Heimat zu nehmen und Kreuzungsversuche mit europäischen Bienen anzustellen. Der Zoologe erwartete eine gute Mischung aus der außergewöhnlich fleißigen, aber aggressiven Afro-Biene und den eher gemächlichen, friedlichen Euro-Stämmen. Durch ein Mißgeschick eines Beisuchers entflogen eines Tages 26 "afrikanische" Königinnen – das Unglück nahm seinen Lauf.

Die auch sexuell außergewöhnlich aggressiven Königinnen paarten sich mit einheimischen Mannchen und produzierten Nachkommen mit wenig sympathischen Eigenschaften. Die neue Brut zeigte eine ausgesprochene Lust, einheimische Bienenkolonien anzugreifen und auszurauben. Tödliche Attacken auf Mensch und Tier erzeugten in Brasilien eine nationale Hysterie. Bienenzüchter wurden verjagt, aus Angst, deren Zuchtvölker könnten die Afro-Bienen anlocken. Einheimischer Honig wurde als italienisches Produkt deklariert, weil die Brasilianer brasilianischen Honig nicht mehr kaufen wollten.

Wie die amerikanische Bienenkommission jetzt berichtet, ist die afrikanische Honigbiene rein äußerlich nicht von den Euro-Bienen zu unterscheiden. In ihrem Verhalten freilich verrät sie sich deutlich. Nervös und unberechenbar reagiert sie auf Umweltreize; und wie ein Torpedo schießt sie in die Öffnung ihres Bienenstocks, statt wie ihre friedlichen Artgenossen auf dem Eingangsbrett zu landen und dann hineinzukriechen. Die Adansonii lebt überall – am Boden, in und auf Bäumen oder in Mauerritzen. Die kleinste Störung nahe des Eingangs einer Afro-Kolonie "verursacht sofort eine Kettenreaktion: Hunderte Bienen schießen los und stürzen sich auf alles, ob Mensch oder Tier, in einem Umkreis von 100 Metern".