Ich bin ohne elektrisches Licht aufgewachsen. An einem Sonntag wie heute sitzt mein Vater in seiner Hütte und blickt in den grauen Schnee, in seinem zahnlosen Mund hängt ein pfeifenähnliches Rauchgerät. Im Ofen schnalzt das Kienholz der Kienstöcke, die er im Sommer im Wald ausgegraben hat, wenn ihn das Arbeitsamt nicht auf Montage schickte. Meine Mutter wird kreischen wie von Kind an als sie ein Messer in die Brust bekam, das ihr niemand herausgezogen hat. Zu mittag wird meine Mutter ein Sauerkraut gekocht haben wie immer ohne Geschmack, weil ohne Fleisch. Als ich noch bei ihr war, brannte ihr jeder Pudding an. Nie wieder will ich ihr pappiges Haar sehen. Mein Vater hat gerne die Rosa gesehen. Fröstelnd hat sie sich eines Tages was auf der Brücke geholt, doch bis sie dem Ungesund nachgeben und sterben mußte, hat sich noch schnell ihr Kindertraum erfüllt, in einem Pfarrhof die Böden aufwischen. Als sie noch im Lebensmittelgeschäft angestellt war, nahm sie meinem Vater zuliebe Pfeifentabak in die Bestellung auf. Das wars. Das Glück meiner Mutter stand nie zur Debatte.

Als ich nicht mehr wuchs, bekam ich den Spitznamen Einmetergroß. Mein Vater wird vergessen haben, warum ihn einmal fünf Gendarmen schlugen: er hatte mich mit in den Wald genommen, hatte sich in die Erde gegraben und mich am Abend vergessen, weil ich unter einem Tännling schlief als er sein Werkzeug einsammelte und nach Hause ging. Der wird schon zuher kommen, sagte er seiner Frau. Ich schlief die ganze Nacht im Wald. Am nächsten Morgen verständigte der Bauer, auf dessen Grund unsere Hütte stand, die Polizei. Die kam und zog den Vater im Wohnzimmer des Bauern aus, an seinem Körper Spuren einer Gegenwehr des Sohnes zu finden, an dem sich der Vater nach Ansicht der Gendarmen vergangen hatte und ihn daraufhin weggeputzt. Da er nichts sagte, schlugen sie ihn. Die Bauernfamilie drängte sich am Fenster der Tür zur Küche. Ich tauchte wieder auf und wurde vom Lehrer fotografiert. Männer der Zukunft, Gestalten in Stahl, war seine Devise. Auf dem Foto sah ich aus wie im Traum. Ich wußte noch nicht, daß ich mein ganzes Leben in Arbeit hingeben mußte, damit es verpulvert wird. Nichts glich der Hilflosigkeit des Geästs unseres Apfelbaums an Verworrenheit. Doch manchmal kam mir Buben das Speiben vorm Grausen und ich erholte mich bei den Haseln am nahen Wald. Zärtlich waren sie zu mir wie eine Geliebte ohne mir mit Pfennigabsätzen auf den Zehen zu stehen. In meiner Jugend gewann nur das Geschlecht an Größe und war kaum noch vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Meine Ohren wurden voll vom Knistern leergerauchter Zigarettenschachteln. Hatte mich je jemand gefragt, nach welcher Bereicherung der Gesellschaft mir zu Mute sein könnte? Eine Kraft bog sich und bog sich in mir wie ein Flacheisen. Ich mußte mich krümmen, den Krümmungen des Eisens in mir Platz zu machen. Mein Kopf verstand das nicht. Der Kopf ist ein Fremder und gehört dem Jeweiligen nicht. Ein Wille ist immer da, und wo man dich hinneigt ist auch was, denn wir sind ungebildet von Geburt an. Ich wurde in den Dreck gedrückt und drohte Dreck zu werden. Ich bin für dumm gehalten worden, damit ich hineinfalle in den ganzen Dreck.

Ich kam vom Land in die Stadt und nahm jede Arbeit an. München machte mich noch kleiner. Am Stachus müde am Lenbachplatz verzagt vorm Wittelsbacher Brunnen machtlos. Ich schlich unten an der Maxburg vorbei und schien mich in der Briennerstraße zu verlieren. Von Banken angefeindet. An den mich mit Hochmut überschüttenden Kirchen, den in der Theatinerstraße mich verspottenden Geschäften vorbeigekommen, ungestraft, wie durch ein Wunder von keiner Anrede, nach der ich mich sehnte, verletzt, bildete ich mir ein, daß ich auf dem Trottoir geduldet sei, bis mich doch Blicke trafen und ich mich auf die Straße gedrängt fühlte, wo ich in der Mitte blieb, weil ich nicht wußte wohin, aber auch nicht zusammengefahren werden wollte. Die Hand in der Hosentasche hielt ich den Stundenlohn. Ich mußte das Geld in keinem Lokal ausgeben. Mein Geld schrie nicht: Laß mich aus! Wenn ich mir wieder beim Raucher Onkel Wurst für zwei Semmeln kaufte? Wenn ich sowieso keinen Durst hatte? Ich konnte in der Wärme mit Winterschuhen zufrieden sein. Meine Hose hielt sich länger. Ich sonderte mich durch diese Überlegenheit ab. Mir war es ein Vorteil, daß ich der Menschheit in der Dienerstraße unbekannt war. Ich spürte ein Recht dadurch, daß ich mit den schmerzenden Fingerknöcheln eines Hilfsarbeiters den Zeitlauf nicht mitbestimmte, wenn ich auch noch nicht wußte ein Recht worauf. Rettete mich diese mieseste Öffentlichkeit nicht wenigstens vor daheim? Nur nicht im Bett liegen, um dann nicht zu wissen an welches Mädchen denken bei der Onanie. Oder allein trinken und auf ein ungewisses Weltenende warten wollen.

Ich hatte nicht einmal so viel Kultur, daß ich um ein Mädchen werben konnte, wenn vor mir ihr Arsch die Hose spannte. Darum kniff ich doch weg von der Türkenstraße ins Kino, weil ich auch leben wollte. 1327mal bin ich im Kino gewesen und nicht annähernd oft bei Frauen gelegen. Alle Frauen mit denen du schläfst werden sowieso zum Vorspiel einer Niegegebenen. Von Frauen taucht später nichts auf als die Veränderung, die sie an dir bewirkt haben: rascheres Altern. Wahllos in Filme gekommen, für die ich zu dumm gewesen wäre, hätte ich Hinweise gelesen, die sich irgend ein Schlaumeier abgeklemmt hat, kam ich in Filme, die ich sonst nie gesehen hätte. "Das Schweigen" zum Beispiel von Ingmar Bergman ist von einer Pressekampagne für immer an mir vorbeiinterpretiert worden. Wer entschädigt mich für diesen Verlust? Im Kino will ich nicht denken sondern sehen. Im Kino will ich mich spüren. Auf ein Kino, in dem ich mich nicht wieder meiner Gefühlswelt vergewissern kann, pfeif ich. Vom Kino verlange ich ein Rechtsempfinden zurück. Zur Erhaltung meines Lebens war immer das Kino nötig. Zu viel ist mir in die Träume abgewandert. Flüchtlingsprobleme verstand ich erst durch "Casablanca" von Michael Curtiz. Erst nach Reinhard Hauffs "Die Verrohung des Franz Blum" konnte ich mich der beunruhigenden Nähe der Gefängnisse erwehren. Ich mußte das meiste auf der Leinwand sehen, weil ich nicht so viel Zeit zum Schlafen hatte all die Beängstigungen, die mich tagsüber ansegelten in Träumen abzutakeln. Nachdem ich den langen Schritten des gerissenen Groucho Marx zugesehen hatte, war ich wieder einem Sinn meines Lebens auf der Spur, fuhr nach dem Kino gleich mit der Linie 21 nach Ramersdorf heim und übte mich im Schreiben. Und ich erzog mir die Sprache zum Bösewicht.

Bislang war ich nichts als ein altes Friedhofsgespenst auf der Welt gewesen. Ich mußte mich rühren, wenn mich schon niemand berührte. Als Lastwagenfahrer zum Beispiel irgendwo über Land in der Nacht für immer verschwinden, ohne mir das jemals vorgestellt zu haben? Nein, ich wartete nicht, bis irgend jemand ein Wort über mich verlor, damit es mich überhaupt gab. Ich hatte keine Wahl und brauchte deshalb kein Gewissen. So bog ich von dem krummen Eisen in meiner Brust etwas nach außen. Über meine Bücher lernte ich neue Menschen kennen, mit denen ich nicht reden konnte. Ich fing in der Gaststätte Leopold zu trinken an und forderte sie ebenfalls dazu auf, damit ich ihnen ungehemmt zuhören konnte. Heute weiche ich auch nüchtern keinem Argument, wenn ich eindeutig fühle, daß es Mist ist. Rigoros bediene ich mich dessen, was in mir steckt. Und das waren die Filme im Türkendolch, die mich in meinem Daseinswahn gestärkt haben. Auf dem Totenlager oder unter irgend einem Auto, soweit das Hirn nicht ganz zerfetzt ist, werde ich Bilder aus der "Barfüßigen Gräfin" von Mankiewicz sehen. Und wenn die letzten Wellen aus meinem Kopf weichen oszillieren sie hoffentlich noch irgendwie Bilder aus der "African Queen" von John Huston. Katharine Hepburn möge dann bitte noch einmal zu Humphrey Bogart "Charly" sagen. Nur Themen der Todesstunde wurden mir zur Filmstunde.

Zuletzt sah ich "Die Früchte des Zorns" von John Ford in einer vollständigen Fassung. Henry Fonda hat zu Recht jemand erschossen, ist nach vier Jahren Gefängnis auf dem Heimweg. Er gabelt einen Prediger auf, dem nichts mehr einfällt, der aber einmal derart inspiriert gewesen ist, daß er auf den Händen laufend predigte. Wie lange das dauert, bis sie im Finstern eines zwangsgeräumten Hauses ein Zündholz anzünden. Wie lange das Zündholz allein zu sehen ist. Wie lange es dauert, bis aus dem Stockdunklen ein Gesicht kommt. Du denkst, daß sie alle tot sind. Und solcher Filme wegen hat man selber einmal zu drehen begonnen... Ein Ausspruch von Volker Schlöndorff, den ich im Leopold kennengelernt hatte. Eines Tages trug er mir eine Rolle an, einen betrunkenen Schullehrer zu spielen. Ich durfte bei einem Leichenschmaus dirigieren. Ich durfte der verunglückten Hauptdarstellerin, die in mein Dorf kommt, als ihr schlecht ist, Schnaps anbieten. Ich durfte ihr nachsehen, als sie ein anderer wegführt. Ich durfte vor der Kamera verzweifelt sein, meinen eigenen Text durfte ich sagen. Da gab es Rotwein. Ich lernte alle Mitarbeiter kennen, da ging es mir gut. Als die Hauptdarstellerin mit mir in Brixen Einkäufe machte, und mir der Anblick ihres Gesichts allein gehörte, sagte ich mir: Was willst du noch vom Leben?!

Und ich durfte vor der Kamera tot sein, in meinem Debüt beim Film. Die Hauptdarstellerin hatte so ein echtes Weinen in ihrem Repertoire, daß ich nach der Szene sofort in die Garderobe lief und selber weinte, denn ich konnte mir nicht ausreden, dreimal gehört zu haben, was Menschen je hören wollen; nach ihrem Verscheiden ein Weinen der Hauptdarstellerin. Noch wochenlang nach den Dreharbeiten starb ich weiter. Ich meldete meinen Tod beim Pfarramt an. Vermeiden Sie bei der Todesanzeige den dicken schwarzen Trauerrand! Ein schmaler schwarzer Streifen wirkt besser! So dröhnte es durchs Telefon. Und mir wurde befohlen, auf Kranzschleifen nicht drucken zu lassen: Wir werden uns nicht wieder sehen. Oder: Er ist für immer von uns gegangen. Ein violetter oder weißer oder dunkelroter oder grüner Anzug wurde mir empfohlen. Ich wollte nicht weg vom trostlosen Schwarz. Als ich bei Regen den Scheibenwischer nicht anmachte, weil ich durch die verschwommene Scheibe wieder das Gesicht der Hauptdarstellerin sah, fuhr ich gegen ein Brückengeländer und stürzte in die Würm. Ich kurbelte das Fenster hoch, hoch, weil der Wagen auf dem Dach im Wasser lag, und lief durch einen Wald weg. Eine weibliche Person auf der Windschutzscheibe mitnehmen, kann für einen strengen Richter fahrlässig sein. Und wenn erst rauskam, daß ich durch den Unfall diese Kühlerfigur umbringen wollte, weil sie so schön so schön war... ich wußte jetzt, sie war die Frau aus meinem Traum in Wales.