London, im Juli

Dafür, daß sich alle Beteiligten an der Neun-Tage-Krise auf Zypern so ungeschickt wie nur denkbar verhalten haben, ist sie noch glimpflich verlaufen. Die Vereidigung des 54jährigen Glafkos Klerides als Präsidenten in Nikosia löst mehr als nur die Peinlichkeit, auf einer Genfer Konferenz über die Insel entweder dem exzentrischen Sampson oder dem exilierten Makarios begegnen zu müssen. Mit Klerides sind die Zyprioten zu einer leidlichen Form der Legalität zurückgekehrt. Den Parlamentspräsidenten und Makarios-Vertreter am Ende eines Drei-Tage-Krieges auf den Schild zu heben, ist eine bessere Lösung, als sie irgend jemand in London oder Washington erhoffen durfte.

Außer der Intervention aus Washington, die den direkten Krieg zwischen Griechen und Türken in Thrazien verhinderte, hat keiner der Beteiligten dem anderen eine Entscheidung aufzwingen können: die Briten konnten die türkische Landung nicht verhindern, die griechisch-zyprische Nationalgarde konnte die Invasoren nicht zurückwerfen, den Türken gelang nicht die Eroberung von Nikosia. Wird Genf eine Wende zum Guten, zum Frieden bringen?

Die Situation ist nicht mehr so verfahren wie es noch am vergangenen Wochenende schien. Es gibt einen für Ankara, Athen und London annehmbaren Vertreter Zyperns, womit das heikelste Problem der Konferenz gelöst ist. Ohne einen verhandlungsfähigen, kooperationsbereiten Repräsentanten von der Insel hätte es kein vernünftiges Gespräch in Genf geben können.

Schwieriger sind die Absichten der anderen Konferenzteilnehmer einzuschätzen. Die begrenzte militärische Aktion der Türken war von zwei Erwägungen diktiert: die Besetzung der ganzen Insel schien schwierig und hätte die griechischen Zyprioten mit Sampson solidarisiert. Außerdem konnte sie nur in einen späteren Rückzug münden, in einen Prestigeverlust also, der jeden Vorteil einer harten Verhandlungsposition mehr als ausgeglichen hätte. Also kam es auf einen Akt der Demonstration an, der die türkischen Zyprioten beruhigte und als Ausgangsbasis für eine ständige Stationierung türkischer Truppen dienen konnte.

Aber die politischen Absichten der Regierung Ecevit blieben zunächst unklar. Erst 24 Stunden nach dem Waffenstillstand erklärte Ankaras stellvertretender Ministerpräsident Erkmen, er halte eine Dreiteilung Zyperns für ratsam. Neben einem griechischen und einem türkischen Teil solle es eine Pufferzone geben. Erkmen glaubt, daß sich die außerhalb des von ihm projektierten Türkengebietes lebenden "Landsleute" – was sie ja völkerrechtlich nicht sind – zur Umsiedlung entschließen würden, wenn das ihre Sicherheit bedeutete. Nach dem Verlauf des türkischen Landemanövers ist anzunehmen, daß die von Erkmen gemeinte Zone im Norden und Nordosten der Insel mit Kyrenia als Hafen und Militärstützpunkt liegen soll.

Die griechischen Vorstellungen waren während der Kämpfe noch undeutlicher. Das hing mit der Gewissensfrage zusammen, die sich das Athener Regime nach dem Putsch des Nikos Sampson stellen mußte: War es der neugewonnene Einfluß auf Zypern wert, daß darüber das ohnehin ramponierte Ansehen Griechenlands in der westlichen Welt noch weiterhin reduziert würde? Henry Kissinger, offenkundig nicht bereit, nach seinen Nahost-Strapazen gleich wieder eine neue ermüdende Befriedigungsreise zu unternehmen, sandte einen fähigen Mann aus seinem Stab, Joseph Sisco. Von seinem Chef durch zahlreiche Nachttelephonate unterstützt, fand er die Antwort in Athen sehr rasch: Präsident Gizikis hielt Zypern dieses Preises nicht für wert. Überdies kann der Umschwung in Athen, so hofft man im neutralen London, für Zypern nur Gutes bedeuten. Die Rückkehr zu einer breiteren politischen Basis in Griechenland läßt wenig Raum für die Enosis.

Ob nun Klerides bleibt oder den Präsidentensitz von Zypern nur für Makarios freihält, ist für die Genfer Verhandlungen nicht entscheidend. Es kann auch sein, daß die Vorgänge in Nikosia und Athen diese Gespräche zur bloßen Formsache machen, denn man wird die innerzyprische Entwicklung baldigen Neuwahlen überlassen müssen. Wenn britische und schwedische Verstärkungen des UN-Kontingents auf der Insel dafür sorgen, daß es im Gefolge der Kämpfe keine Racheakte gibt, und wenn die griechischen Offiziere der Nationalgarde abziehen, was Amerikaner, Briten und Türken fordern, dann bleibt den Garantiemächten nicht mehr viel zu garantieren.