Von Dietrich Strothmann

Vor fast genau fünf Jahren, am 22. Juli 1969, waren die Würfel gefallen: Spaniens selbsternannter "Führer von Gottes Gnaden", Francisco Franco, empfahl der Cortes, dem Ständeparlament, für den Fall der "Vakanz der Staatsführung" den jungen Prinzen Juan Carlos aus dem Hause Bourbon als seinen rechtmäßigen Nachfolger. Und die Abgeordneten, in der überwiegenden Mehrheit delegiert und eingesetzt, stimmten dem ergrauten Caudillo und Generalissimus zu. Franco hatte damals wie ein Gesalbter zu seinen Untertanen von der Zukunft gesprochen, "wenn durch das Gesetz der Natur meine Führung Ihnen fehlen wird".

Nun ist es soweit: Der mittlerweile 81jährige Diktator, der dienstälteste seines Zeichens in Europa seit des Portugiesen Salazars Tod im Herbst 1968, mußte vor zwei Wochen ins Hospital; noch Anfang dieser Woche meinten manche Spanier, er liege auf dem Sterbebett. Noch ehe sich seine Leiden verschlimmerten und wohl auch seine Ahnung wuchs, das Ende durch das "Gesetz der Natur" komme unaufhaltsam näher, übertrug der Greis dem jungen Prinzen gemäß Artikel 11 des "Organischen Gesetzes des Staates" (bei Abwesenheit oder Krankheit des "Führers") provisorisch die Staatsgeschäfte. Der 36jährige Infant von Spanien steht damit auf der letzten Stufe vor dem Thron – ein Verweser freilich nicht von Gottes, sondern allein von Francos Gnaden; nicht mehr als ein vom Diktator bestallter Verwalter einer verordneten Monarchie, ein, an seiner Macht gemessen, kleiner König in spe in geliehenen Kleidern. Wird Juan Carlos so wie er will in Spanien schalten und walten können? Wollen, dies vor allem, die Spanier von ihm geführt und gelenkt werden?

Francisco Franco, der während seiner Regentschaft von nunmehr 35 Jahren nur zweimal wegen Krankheit für eine kurze Zeitspanne ausfiel – einmal mußte er sich ein paar Zähne ziehen lassen, ein anderes Mal hatte er sich bei einem Jagdausflug in die Hand geschossen –, galt als "unsterblich". Und alle Meldungen aus Madrid, die in den letzten Jahren mit vorausberechenbarer Regelmäßigkeit des Caudillos endgültigen Abschied von der Macht angekündigt hatten, waren kurzlebiger als der Betroffene selber. Vom Tod sprach Franco nie, aber er hatte rechtzeitig an ihn gedacht und seine "Erbfolge" so geregelt, wie er es selber für richtig hielt.

Schon zehn Jahre nach seiner eigenen Inthronisierung am Ende des blutigen Bürgerkrieges hatte er seinem gepeinigten Volk in einem Referendum empfohlen, für den Fall seines Abgangs wieder einen Monarchen zu akzeptieren. Die Spanier kamen freiwillig-unfreiwillig dem höheren Wunsche nach. Bald danach machte sich Franco auf die Suche nach einem geeigneten Prätendenten. Der Bewerber und Anwärter gab es genug: die "rechtmäßige" Majestät, den "Conde de Barcelona", Don Juan von Bourbon, Sohn des 1931 vor den Republikanern geflüchteten Alfonso XIII.; dann den Prinzen Hugo von Bourbon-Parma, dessen Familie Francos Falangisten im Krieg unterstützt hatte, im Dezember 1969 aber von ihnen des Landes verwiesen worden war; und schließlich auch noch Juan Carlos’ Vetter Alfonso, Herzog von Cadiz, der Francos Lieblingsenkelin geheiratet und seinen Sohn nach ihm Francesco getauft hatte.

Der Generalissimus aber brauchte einen Kandidaten, der sich nach seinem Bilde formen ließ. So wählte er den Sohn des "Königs ohne Krone", Don Juans Sproß Juan Carlos, der sich erst sträubte, weil er dem Vater den Vortritt lassen wollte, sich dann aber dem Diktat des Diktators fügte, wohl auch im geheimen Einverständnis mit seinem im portugiesischen Exil weiter von seinem künftigen Königstum träumenden Familienoberhaupt.

Juan Carlos hatte sich einem strengen Reglement zu unterwerfen, das Franco selber für ihn aufgestellt hatte: Erst mußte er sich in sämtlichen Waffengattungen ausbilden lassen, was ihm den Titel eines Generals und Admirals eintrug, dann folgten der Unterricht an Militärakademien und die Fortbildung an Universitäten.