Alljährlich feierlich begangene Gedenktage und Jubiläen haben oft etwas Peinliches – egal, ob es sich um Sedan-Feiern, den 20. Juli oder den 17. Juni handelt. Sie alle haben das gleiche Los: Was einst spontan war und dem Überschwang der Herzen entsprach, wird in seiner stets wiederkehrenden Unausweichlichkeit zur Routine. Das Ritual wirkt wie ein Klischee, bis sich schließlich nur noch wenige an das erinnern, worum es bei jenem Gedenken eigentlich geht.

Da jedermann dieses Dilemma kennt, ist es unbegreiflich, daß die Veranstalter der Feierlichkeiten zum 20. Juli es für nötig befanden, neben der vorzüglichen Rede von Professor Carl Friedrich von Weizsäcker noch eine zweite Ansprache vorzusehen. Daß sie dabei ausschließlich nach protokollarischen Gesichtspunkten vorgingen und den Präsidenten des Bundesrates zum Redner wählten, zeigt nur, daß sie den Anlaß, der diesem Gedenken zugrunde liegt, längst aus den Augen verloren haben.

Filbinger mag nie Nazi, vielleicht sogar deren Gegner gewesen sein – aber wer nach Kriegsende einen Soldaten im Gefangenenlager wegen „Auflehnung gegen Zucht und Ordnung“ und wegen „Gesinnungsverfalls“ zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, der hat mit denen, die sich gegen die Ordnung jener Zeit aufgelehnt haben, wenig gemein. Es waren keineswegs nur professionelle Störenfriede, die gegen Filbingers Rede protestierten, zusammen mit einigen Söhnen und Nachkommen der Hingerichteten verließ auch eine der Witwen den Saal. Sie empfanden die Wahl des Redners als Provokation. Dem Redner selbst war der Sachverhalt offenbar auch danach noch nicht deutlich geworden, denn in einer abschließenden Erklärung meinte er, die Störungen seien der hohen Bedeutung und Würde des Ereignisses nicht angemessen ... Dff