Daimler-Benz-Hauptversammlungen haben gewöhnlich, so beschwören es die Aktiven alle Jahre wieder, "eine familiäre Atmosphäre". Schon die äußeren Umstände stimmen freundlich: Die Aktionäre treffen sich im werkseigenen Museum, zu Füßen von "Silberpfeilen" und anderen Denkmälern sportlichen und zivileren Glanzes. Auch die Gegenwart stiftet Eintracht.

Das Unternehmen arbeitet erfolgreicher als die Konkurrenten. Eine stattliche Dvidende und gelegentliche "Gratisaktien" verscheuchen Kritik. Außerdem verbindet Redner und Auditorium ein intaktes Feindbild. Die Aktionäre haben erkannt, daß an allem Übel – das in Untertürkheim ja gar nicht so leicht aufzuspüren ist – die Gewerkschaften die Schuld tragen. Zwar ist gerade für die Autoindustrie 1974 deutlich geworden, daß eine rigorose Lohnpolitik während einer Periode konjunktureller und struktureller Schwäche die Unternehmen überbeansprucht. Dennoch war in diesem Jahr einiges fehl am Platz: Reden, die eher Beschimpfungen glichen; Beiträge, die das Streikrecht in Frage stellten und Gewerkschaftlern empfahlen, "nach drüben" zu gehen; aufgebrachte Reaktionen, als Daimler-Chef Zahn den Mitarbeitern dankte.

In dieser giftigen Situation gelang dem Versammlungsleiter Franz Heinrich Ulrich ein unbürokratisches und nachahmenswertes Novum. Er gab dem Aufsichtsratsmitglied und Betriebsratsvorsitzenden Herbert Lucy Gelegenheit, einiges "richtig zu stellen". Und der brachte in Erinnerung, daß Arbeitnehmer und deren Interessenvertreter nicht ausschließlich damit beschäftigt sind, das Ende der freien Marktwirtschaft zu betreiben. Sofort kehrte Sachlichkeit in die Debatte zurück. Zu danken ist dies Ulrich, der Lucy das Wort nicht hätte geben müssen, aber auch diesem, weil er den Auftritt nicht polemisch mißbrauchte. rf