Von Michael Naumann

Die Lektüre mancher marxistisch inspirierter Arbeiten läßt oft merkwürdige Zustände der Angst und Subordination ahnen. Beispiel: "Der Prozeß der gesellschaftlichen Entwicklung, der aus dem Mißverhältnis zwischen Produktionskräften und Produktionsverhältnissen resultiert und eine Änderung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse schließlich auch in die staatlich-politische Sphäre verlängert, wird von Marx... und so fort". Derlei wahllos sortierte Versatzstücke einer ökonomischen Gesellschaftstheorie sollen wohl durch ihr labyrinthisches Satzarrangement gegen kritische "Enteignung" schützen. Denn die Meinung, daß Gesetze von Produktion auch die eigentlichen Gesetze der Geschichte sind, ist selbst längst zum unhaltbaren Privatbesitz geworden, den es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt.

Eine ähnliche Verkürzung findet sich freilich auch auf konservativer Seite. So schreibt etwa der deutsche Nationalökonom Woll: "Vom Ziel der Freiheit her gesehen, ist die Erhaltung der marktwirtschaftlichen Ordnung die wichtigste Aufgabe der Wirtschaftspolitik." Eine, wenn nicht die Grundthese moderner Nationalökonomie, daß alle gesellschaftlichen Ereignisse und Handlungen nur als Folgen ökonomischer Tatsachen erklärt werden können, daß Produktion und Konsumtion die zentralen Daten von Politik und Geschichte überhaupt seien, wird in der geistreichen und temperamentvollen Studie eines Duisburger Politologen überprüft:

Michael Hereth: "Freiheit, Politik und Ökonomie"; R. Piper & Co. Verlag, München 1974; 134 S., 8,– DM.

Da der Autor SPD-Mitglied des Düsseldorfer Landtags ist und innerhalb der parteiinternen Diskussion offensichtlich einen unorthodoxen Mittelplatz behauptet, zeigt das Buch zugleich originelle Perspektiven eines (möglichen) gesellschaftspolitischen Gesprächsniveaus jenseits von "Stamokap" und "Doppelstrategie".

Gegen den Fetisch "Wirtschaftswachstum" versucht Hereth einen Begriff von Freiheit für politische Theorie und Praxis zu retten, der gleichsam aristotelische Qualitäten hat: "Der höchste Freiheitsspielraum ... eröffnet sich dem Menschen in der Philosophie, die sich in der Symbolik der Literatur, der Sprache, der Kunst und der Theorie vermittelt... Eine gesellschaftliche Ordnung, die an den Zielen der wirtschaftlichen Produktion ausgerichtet ist, die beispielsweise Freiheit primär und zentral nur als Unternehmer- oder Verbraucherfreiheit versteht, ist nicht an den Zielen rationaler menschlicher Existenz orientiert."

Der Verdacht, hier werde in nebulöser Manier mit den Worten "rational" und "Existenz" hantiert, verflüchtigt sich im gleichen Maße, in dem der Autor die unvernünftige Verdrängung politischer Theorie durch die Wirtschaftswissenschaften klar herausarbeitet. Smith, Ricardo, Bentham – klassische Stationen im Aufstieg der Nationalökonomie zur Gesellschaftswissenschaft, die jeder kritischen Frage nach dem Sinn von Produktion lediglich die stereotype Antwort zu geben weiß: Konsumtion! Die Umdeutung von Freiheit zur Handelsware und der Welt zum Markt findet ihr überraschendes Spiegelbild in zeitgenössischen Lehrbüchern des Ostblocks.