Von Peter W. Crome

Tokio, im Juli

In Japan sind die fetten Jahre vorbei. Der blindwütig nach Produktionserhöhungen, Absatzmärkten und wirtschaftlichen Einflußsphären gierende Aktivismus, vom Futurologenpapst Herman Kahn andächtig aufs Podest erhoben, ist fast über Nacht einer lähmenden Depression gewichen.

"Man will uns an den Kragen", tönt es aus der Ölindustrie. "Es geht ums nackte Überleben", wehklagt die Stahlindustrie. "Wir werden zusammen mit der Regierungspartei ‚Shinju‘ (Doppelselbstmord aus Liebe) begehen", sagt man in der wirtschaftlichen Dachorganisation "Keidanren". Ist das glücklose Taktieren der Liberal-Demokratischen Regierungspartei (LDP), dem traditionellen Garanten für das Prosperieren der Wirtschaft, die einzige Ursache für die Götterdämmerungsstimmung der japanischen Industriebarone?

Auf den ersten Blick wirkt diese Interpretation aus dem Wirtschaftslager einleuchtend. Der spektakuläre Rücktritt von Finanzminister Takeo Fukuda und Verwaltungsamtsdirektor Shigeru Hori aus dem Kabinett, dem die Demission des Vizepremiers und Umweltschutzminister Takeo Miki vorausgegangen war, hat die Regierung Tanakas an den Rand des politischen Offenbarungseids gebracht. Die drei Renegaten gaben als Motiv für ihren Schritt die dringende Notwendigkeit an, die Struktur der Partei von Grund auf zu erneuern, falls sie noch wählbar bleiben wolle.

Die zehnten japanischen Oberhauswahlen am 7. Juli hatten Tanaka zwar nicht die von den vier Oppositionsparteien vor Monaten bereits angekündigte totale Katastrophe, aber doch eine empfindliche politische Niederlage eingebracht. Bei der in dreijährigem Turnus stattfindenden Wahl ging es um die Besetzung der Hälfte aller 452 Mandate in der Kammer – gewöhnlich eine parlamentarische Routineübung angesichts der geringen machtpolitischen Bedeutung des Hauses. In diesem Fall freilich war der Wahlkampf zu einer Vertrauensfrage für Ministerpräsident Kakuei Tanaka und seine Partei, die LDP, hochstilisiert worden.

Die Antwort des Wahlvolks war unmißverständlich: Die LDP verlor ihre acht Mehrheitsmandate und vermag jetzt nur noch mit Hilfe von drei bis vier angeblich unabhängigen Abgeordneten die Mehrheit in der Kammer zu bilden. Das Ergebnis lag bis zu fünfzehn Sitzen unterhalb den Erwartungen der LDP-Führung, und eine totale Niederlage wurde nur deshalb vermieden, weil die vier Oppositionsparteien ihre Absicht nicht verwirklichen konnten, sich zu einer gemeinsamen Front gegen die LDP zusammenzuschließen.