Die konservative und damit herrschende Schicht der japanischen Öffentlichkeit wurde durch den Ausgang dieser Wahl verunsichert: Die bisherige Unantastbarkeit der personellen und ideellen Einheit zwischen Regierungspartei und Privatwirtschaft würde in Frage gestellt.

Zum erstenmal hatte diese Konzeption, die bereits bei der Geburt des modernen Japan Pate gestanden hatte, versagt. Dabei hatte sich die Privatwirtschaft stärker ins Zeug gelegt denn je, nachdem sie, die Vision einer möglichen Machtübernahme im Oberhaus durch eine oppositionelle linke Koalition vor Augen, schon im vergangenen Herbst um Wahlkampfhilfe ersucht worden war.

In der besten Tradition der "Nihonsei no demokurashi"‚ der Demokratie made in Nippon, hatten die allgewaltigen Konzerne wie Mitsui, Mitsubishi, Sumitomo und Hitachi das Ansinnen der Regierungspartei nicht absurd gefunden, sich einen LDP-Oberhausabgeordneten "zu kaufen" und ihn nach allen Business-Regeln an die Wähler "abzusetzen". 1800 weitere Unternehmen beteiligten sich an dieser Verkaufskampagne und ließen insgesamt 200 Millionen Mark in die Wahlkampfschatulle der LDP fließen, viermal mehr als in jedem Wahlkampf zuvor. Während die Privatwirtschaft schon immer die Regierungspartei finanziert hatte, war es das erstemal, daß sie auch aktiv und mit "Kandidaten des Hauses" ihren Wahlkampf betrieb. Es wurde der "schmutzigste Wahlkampf aller Zeiten". Bis zur Stunde sind 763 Übertreter des Wahlgesetzes verhaftet worden.

Aber während der Sumitomo-Konzern zusammen mit dem größten japanischen Bankhaus Daichi-Kangyo ihren gemeinsamen Kandidaten, den Sohn des Ex-Ministerpräsidenten Hatoyama, mit Erfolg verkaufen konnte – während die führende Baufirma Kajima eine ebenso gute Bilanz mit dem Sohn von Altministerpräsident Eisaku Sato abzuschließen vermochte –, blieb eine peinlich große Zahl "firmeneigener" Kandidaten auf der Strecke. Mitsubishi etwa brüstete sich, über seine 300 000 Lohnabhängigen in 50 000 Niederlassungen und mit rund einer Million Angestellten und Arbeitern aus semiabhängigen Zulieferbetrieben insgesamt 1,2 Millionen Stimmen für den höheren Polizeibeamten Ken Saka garantieren zu können. Zwar quittierte Mitsubishis Wählervolk den Tagesbefehl ihrer Vorgesetzten auf höflich japanische Art mit tiefen Verbeugungen. Aber im Wahllokal kreuzten die Angestellten dann stillschweigend einen anderen Namen an.

Das schlechte Abschneiden der von der Großindustrie unterstützten Kandidaten ist auf eine plötzlich entfachte Welle passiven Widerstandes unter Lohn- und Gehaltsempfängern zurückzuführen. Die traditionelle Bindung an die "Firmenfamilie" ist schwächer geworden. Der Protest des kleinen Mannes im Rußstaub und Chemiedunst des "Landes des aufgehenden Yen" – so der Titel eines jüngsten Bestsellers – ist auch für die bisher so unanfechtbaren Hohepriester des Mysteriums von der unablässigen Vermehrung des Bruttosozialprodukts unüberhörbar geworden.

Hunderte von Toten und Tausende von Erkrankten, Opfer bisher unbekannter neuer Zivilisationskrankheiten wie der durch quecksilberhaltige Industrieabwässer verursachten "Minamata"- Krankheit und der durch Cadmiumrückstände hervorgerufenen "Itai-Itai"-Erkrankung haben die Bevölkerung gegen die Großindustrie Front machen lassen. Verkrüppelte Fische in allen Fanggebieten um Japan, "Yokkaichi" – Asthma in allen Industriezonen, ein wachsendes Heer von Magen-, Haut- und Lungenkrebskranken und nahezu täglich Schlagzeilen über giftige Muttermilch, Chloroform im Leitungswasser und gesundheitsgefährdende Stoffe in den Nahrungsmitteln haben den Fortschrittsglauben des Japaners erschüttert.

Während sofort nach den Wahlen eine Flut neuer Preissteigerungen angekündigt wurde und das Wirtschaftsplanungsamt bekanntgab, daß fast ein Drittel aller Sparer aus ihren Rücklagen zuschossen, um den Preisaufschwung des ersten Jahresdrittels bewältigen zu können, grämt sich die Industrie darüber, daß während des gleichen Zeitraums eine Rekordzahl von 1193 Unternehmen Bankrott gingen. Zudem muß für das laufende Rechnungsjahr mit einer realen Wirtschaftswachstumsrate von nur 2,8 Prozent statt über zehn Prozent jährlich während der letzten Dekade gerechnet werden. Höhere Löhne, teurere Rohstoffe und stärkere ausländische Konkurrenz haben die legendären Wettbewerbsvorteile der japanischen Wirtschaft schrumpfen lassen – wenn auch durchaus noch nicht aufgehoben.