Von Heinz-Günter Kemmer

Wer je Zweifel hatte, ob er seinen Betrieb oder seine Heizung von Kohle oder Öl auf Erdgas umstellen sollte, der kann heute nur darüber lachen. Während Kohle und Öl heute wesentlich teurer sind als vor dem Herbst vergangenen Jahres, hat sich am Erdgaspreis wenig getan. Das Gas ist heute nicht teurer als 1969, einer Preiserhöhung um neun Prozent am 1. April 1974 ging bei der Ruhrgas AG, dem mit etwa 50 Prozent Marktanteil größten deutschen Gasversorger, eine gleich hohe Preissenkung im vergangenen Jahr voraus.

Diese Preisstabilität verdanken die Erdgaskünden einem Instrument, das gemeinhin Heizölklausel genannt wird. Der Preis für das Erdgas ist mehr oder weniger direkt an den Preis für Heizöl gebunden, folgt dessen Ausschlägen aber nur mit zeitlicher Verzögerung.

So sind in den Abnahmeverträgen zumeist Preisanpassungen in jährlichem Rhythmus vorgesehen. Sie finden beispielsweise bei der Ruhrgas jeweils zum 1. April statt, Referenzpreis ist der vom Statistischen Bundesamt ermittelte Durchschnittspreis für das jeweilige Vorjahr.

Bis zum 1. April diese Jahres haben die Erdgasabnehmer also überhaupt nichts von dem zu spüren bekommen, was ursprünglich Energiekrise genannt wurde und sich später "nur" als ungeheure Preiswelle entpuppte. Und auch am 1. April stiegen die Preise nur um neun Prozent, weil der Durchschnittspreis des ganzen Jahres die Bemessungsgrundlage war – die starken Preissteigerungen betrafen aber nur etwa ein Fünftel des Jahres.

Die wirklich höhere Rechnung wird der Gasmann erst am 1. April 1975 präsentieren. Dann sind die Heizölpreise von 1974 Basis der Berechnung, dann wird der Gaspreis um mindestens 60 Prozent, in Einzelfällen aber wohl um 100 Prozent steigen. Das Schwergewicht der Preiserhöhung wird bei etwa 80 Prozent liegen.

Statt nun die Heizölklausel wegen ihrer segensreichen aufschiebenden Wirkung zu loben, wird sie inzwischen attackiert. Vor allem Politiker vermögen nicht einzusehen, warum langfristig kontrahiertes Erdgas aus bestehenden Quellen, das durch bestehende Leitungen transportiert wird, nun plötzlich teurer werden soll. Sie wittern Unrat, zumal zum Teil eine Identität von Gas- und Heizölverkäufer besteht. So sind Esso und Shell gleichzeitig an den holländischen Gasquellen und an der Ruhrgas beteiligt.