Die Frage, wer wen wann ins Bett holen darf, ist heute, folgt man der Emanzipationsliteratur und den jüngsten Meinungsumfragen, ein alter Hut. Mit anderen Worten: Ein junges Mädchen von 16 oder 17 Jahren – ausgerüstet mit der mütterlichen Pille – bekommt in der Regel keine Gewissensbisse, wenn es in den Schlafsack des Freundes krabbelt. Und was Kindern heute recht ist, sollte Erwachsenen billig sein, also auch der mündigen Bürgerin.

Doch der mündigen Bürgerin, um die es hier geht, war es nicht billig, ihr war es teuer. Sie – eine Hamburgerin – war mit 17 Jahren noch Jungfrau, verliebte sich nicht in einen Seemann, sondern in einen Soldaten der Bundeswehr.

Aus der Verliebtheit wurde eine Verlobung, in deren Folge sie sich dem Soldaten, wie man so sagt, hingab. Dies währte drei Jahre. Dann änderte der Soldat seinen Sinn und ließ die Braut, wie man so sagt, ganz einfach sitzen.

Diese, nicht dumm, entsann sich mit Hilfe eines Rechtsanwalts des Paragraphen 1300 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Dieser Paragraph besagt: "Hat eine unbescholtene Verlobte ihrem Verlobten die Beiwohnung gestattet, so kann sie... (Wenn der Verlobte von der Verlobung zurücktritt) auch wegen des Schadens, der nicht Vermögensschaden ist, eine billige Entschädigung in Geld verlangen". Das Hamburger Landgericht gab diesem Anspruch auf "Kranzgeld" statt und hielt ein Trostpflaster von 1500 Mark für angemessen.

Das angerufene Oberlandesgericht war anderer Ansicht. Es hielt das Kranzgeld für überholt, denn Paragraph 1300 begünstige "die nach heutiger Anschauung mit Recht verpönte doppelte Moral, die dem Mann auf geschlechtlichem Gebiet nachsieht, was sie bei der Frau als verwerflich bezeichnet". Zudem laufe das Kranzgeld auf eine Entwürdigung der Frau hinaus. Denn "der an den freiwillig gewährten Geschlechtsverkehr gebundene Schadenersatzanspruch bewirke praktisch, daß der Geschlechtsverkehr nachträglich mit einer Geldleistung abgegolten wird".

Die Karlsruher Bundesrichter waren da aber ganz anderer Meinung. Trotz Gleichberechtigung setze die Frau auf sexuellem Gebiet mehr ein, als der Mann, erklärten sie. Zudem spiele die Auflösung des Verlöbnisses in der Erlebniswelt der Frau eine größere Rolle als beim Mann. Vor allem längerdauernde Verlöbnisse mindern die Heiratsaussichten der Frau mehr, als die des Mannes.

Im Zeichen der Courths-Mahler-Renaissance rückten die Bundesrichter die Welt also wieder zurecht. Das moderne Weib, das unbescholtene Wesen, bleibt wie unsere Großmütter geschützt.

Also aufgepaßt: Wer unter ihre Decke schlüpft, muß damit rechnen, zur Kranzgeld-Kasse gebeten zu werden. v. k.