"Pilzomelett und andere Nekrologe", Erzählungen von Rolf Schneider. Ein englischer Oberst im Ruhestand heißt G. H. F. L. M. Rock, ein Verleger Sabbermann, ein Dichter Markus Wuszstrich, eine preußische Witwe Ulrike von Reventzow – wenn das nicht witzig ist! Rolf Schneider hat es auf satirische Wirkungen abgesehen; zehnmal werden sie mit Erzählungen in der ersten Person erstrebt, dreimal mit solchen in der dritten, jedesmal stirbt oder verkommt einer. Zwei der Geschichten standen schon in dem Band "Brücken und Gitter", die dabei entwickelte Methode der "Lebensläufe" wurde auf die neuen übertragen. Manchmal wirkt das wie eine Parodie auf Alexander Kluge, aber Schneider erreicht nirgends dessen trockene, böse Knappheit. Er ist zu sehr in seine – oft hübschen – Einfälle verliebt; darüber geht die Ökonomie zum Teufel, die Helden sind geschwätzig, durchweg rechte Pinsel, die von ihren Widrigkeiten zierlich berichten in einem Stil, der bürokratisch, etwas altfränkisch, gedrechselt wirkt, ihre verschiedene Herkunft, die verschiedenen Berufe und Schicksale prägen ihre Ausdrucksweise so wenig wie die politische und soziale Umwelt, in der sie vorgeblich agieren und leiden. Sie sind im Niemandsland einer bürgerlichen Welt (einer untergehenden, versteht sich) angesiedelt, und ihr Autor läßt sie mit Bildungsgut wacker um sich werfen. Rolf Schneider ist ein Opfer seines eigenen versatilen Talents geworden, er spricht mit verstellter Stimme und merkt nicht, daß es die seine geworden ist. Das Makabre gerät nicht gräßlich genug, das Lustige billig ("Lues und Leier" so heißt der Gedichtband einer seiner Literaten), Bösartigkeiten werden artig entschärft. Da hat einer auf eine vermutete Marktlücke hingeschrieben, und es zeigt sich, daß sie enger ist, als man das in Schöneiche für möglich hält. (Piper Verlag, München, 1974; 236 S., 24,– DM.) Roland H. Wiegenstein

"Die Zeit danach", Gedichte von Horst Bienek, Offsetlithographien von Bernhard Schultze. Dieser Band kommt prächtig daher: großformatig, groß gedruckt, groß bebildert. Aber er spricht von Kargheit, von Leiden und Vergeblichkeit. Ein Widerspruch also schon im Äußeren? Nicht unbedingt und nicht nur, denn Widersprüche bestimmen diesen Band, sein Thema von Anfang an bis ins Innerste. Die Zeit danach – das ist, ohne daß es je so direkt ausgesprochen würde, die nach der Krise von Literatur, nach dem überlebten Wunsch auf resigniertes Verstummen. Solch poetisches Schweigen war seit je, seit der bitteren Erkenntnis, daß nach den Greueln der Hitlerzeit kein Wort mehr ans grauenhafte Geschehen heranreicht, nur ein literarischer Gestus – am Ende eben doch niedergeschrieben und damit als Literatur präsent. Doch diese Literatur war authentisch durch historische Leiden, durch die Reduktion des Ich auf nackte Körperlichkeit. Bienek hat, Jahrzehnte danach, als thematischen Impuls nur noch die Erinnerung eines (literatur-) geschichtsbewußten Intellekts. Und das reduziert den einst schmerzlichen Anlaß zum literarischen Sekundärereignis, vermindert – als Erfahrung aus zweiter Hand – die Gewalt der Worte, läßt den Aufschrei sachte auslaufen in wehes, summierendes Konstatieren: "jedes Wort / das neu geschrieben wird / ist eine Wiederholung / der Wiederholung der Wiederholung." (Verlag Eremiten-Presse, Düsseldorf, 1974; 67 S., 32,– DM.) Peter Buchka

"Die Zeit wartet nicht", von Werner Egk. Egks Memoiren sind Erinnerungen eines Unpolitischen, der immer wieder in Politik hineingezogen wurde. 1901 geboren, wurde Egk durch die zwanziger Jahre geprägt, machte Karriere unter der Herrschaft der Nazis (die ihn beargwöhnten, aber duldeten), und wurde nach dem Kriege von einer Avantgarde, die sich an Webern orientierte, zum "Establishment" in des Wortes schlimmster Bedeutung gezählt (trotz des "Abraxas"-Skandals, der eher als intern bayerische Angelegenheit erschien). Egk rächt sich: Sobald von den "Darmstädtern" die Rede ist, kommt ihm die ironische Distanz abhanden, die er sonst fast immer bewahrt und mit der er sogar von den Nazis spricht, und er greift zu Schimpfwörtern, die gleichsam vor Empörung beben. Der Zorn wäre verständlicher, wenn Egk weniger erfolgreich gewesen wäre, als er (auch nach dem Kriege) war. Aber selbst die Malheurs sind ihm schließlich fast immer zum Guten ausgeschlagen. Egk, zu dessen Opernhelden nicht zufällig Odysseus gehört, hat sich fintenreich in schwierigsten Zeiten und Umständen zu behaupten gewußt. Und in seinem Buch sind es die zugespitzen Situationen, deren Beschreibung im Gedächtnis haftet. Bekenntnisse legt Egk kaum ab, lieber erzählt er Anekdoten. Er ist Dramatiker genug, um auch seine Memoiren wirkungsvoll zu arrangieren. Soviel er jedoch berichtet – fesselnd und pointiert: Er selbst bleibt im Verborgenen. (Verlag R. S. Schulz, Percha am Starnberger See, 1973; 536 S., 25,– DM.) Carl Dahlhaus

"Wohnen – In den Häusern, von den Häusern und um die Häuser herum", herausgegeben von Gisela Stelly. Zum Thema "Wohnen" hat die Hamburger Journalistin Gisela Stelly in der Lesebuchreihe des Bertelsmann-Verlages eine traurige Bestandsaufnahme herausgegeben, eine Text- und Bildersammlung zum Weinen. Mit großer Nüchternheit wird die Misere aufgezeigt: Verplante Städte, eingemauerte Menschen, unzumutbare Wohnverhältnisse in Wohnkäfigen mit geringem oder ganz ohne Komfort. Schockierende Tatsachen, die kaum beachtet werden. Nach Informationen des Bonner Städtebauinstitutes leben zwei Drittel aller Bundesbürger zur Zeit in unzureichenden Wohnverhältnissen. "Fünf Millionen Wohnungen – fast ein Viertel des gesamten Bestandes – besitzen kein Bad, keine Sammelheizung und größtenteils noch nicht einmal eine Innentoilette Um solchen Wohnverhältnissen abzuhelfen, bedarf es auch neuer Wohnungen, vor allem aber billiger Mieten. Ein exemplarischer Fall: Das Wohnexperiment Märkisches Viertel in West-Berlin. 40 Prozent seiner Bewohner haben nicht mehr als 900 Mark im Monat, sie können die verlangten Mieten nicht zahlen: "Viele kommen aus Kellern, aus Lauben, aus Altbauwohnungen, die kalt, feucht, dunkel oder auch ganz gut erhalten waren. Sie zahlten 80 Mark im Monat. Nun zahlen sie 300 ... Ihre Wohnungen sind zu klein und zu groß. Zu klein für ihre Kinder, zu groß für ihr Portemonnaie." Neben wenigen kurzen Texten von Brecht, Bloch, Zwerenz oder Hochhuth enthält die sachliche Bestandsaufnahme – für mein Empfinden zu sachlich, da die Leser ja meistens Laien, nicht Fachleute sind – hauptsächlich Daten, Zahlen, Protokolle. Zahlen über Mieten, Kosten, Zinsen, Wucher; Zahlen über Menschen. (Lesebuch 5, Bertelsmann-Verlag, München/Gütersloh, 1974; 256 S., 10,– DM.) Monika Sperr