Kunstkalender

Neu in Museen und Galerien:

Düsseldorf Bis zum 28. August, Kunstmuseum: "Die Bildwelt des deutschen Klassizismus"

Von Winckelmann, dem Theoretiker und Lehrmeister des deutschen Klassizismus, stammt das Wort: "Der Pinsel, den der Künstler führet, soll in Verstand getunkt sein." Die Künstler, ob sie ihren Winckelmann gelesen haben oder nicht, sind dieser Aufforderung zur Rationalität doch nur partiell, nur zögernd nachgekommen, ohne das emotionale, das phantastische Element ganz auszuschalten. 44 Künstler sind in der Düsseldorfer Ausstellung versammelt, die mit rund 200 Zeichnungen und Aquarellen aus Eigenbestand und aus dem Düsseldorfer Goethemuseum die Stilepoche zwischen 1770 und 1830 belegt. Darunter sind viele Namen, die gewöhnlich unter dem Stichwort Romantik rubriziert werden, etwa Fohr und Horny, Olivier und Overbeck. Und gerade darin liegt der außerordentliche Reiz (und der kunsthistorische Hintersinn) dieser Übersicht, daß festgelegte Kategorien in Frage gestellt, daß unvermutete Beziehungen hergestellt werden. Läßt sich die sprichwörtliche Italienliebe der Epoche als ein "romantischer Zug" des Klassizismus erklären und enthält umgekehrt gerade das Nazarenertum, in dem die deutsche Romantik kulminiert, nicht ein starkes Element klassizistischer Rationalität und Idealität? Die großartigen Landschaften von Koch, von Kniep und Hackert korrigieren die landläufige Vorstellung, daß die Romantik den Klassizismus abgelöst, daß um 1800 eine Zäsur, ein Umbruch stattgefunden habe. Sondern beide Tendenzen laufen nebeneinander her, sind gleichzeitig existent, die Auseinandersetzung wird im Künstler, in seiner Arbeit ausgetragen. Die stilistische Pluralität mündet schließlich in der Düsseldorfer Schule, die mit Cornelius und Schadow präsentiert wird.

Hannover Bis zum 29. September, Kestner-Gesellschaft: "Matta"

Homo Flux, von 1971. "Dargestellt wird: Das Unausdenkbare; das große Transparente; die Kräfte, die den Gedanken verändern und beeinflussen; die Form als Vorstellungskraft regnet sozusagen auf den Gedanken. Und der Gedanke saugt sie begierig auf und schlägt Wurzeln in dem Gegenstand, den er sehen und begreifen will." Kein Zweifel, Matta zählt zu den eifrigsten und wortgewaltigsten Selbstinterpreten unter den zeitgenössischen Künstlern. Er hat immer wundervolle Texte geschrieben, die es verständlich machen, warum Breton ihn als den letzten Surrealisten enthusiastisch feierte. Im exzellenten, von Carl-Albrecht Haenlein zusammengestellten Matta-Katalog sind auch bisher unbekannte Texte veröffentlicht, darunter Szenen aus einem Drehbuch von 1936, "Die Erde ist ein Mensch", ein erstaunliches Dokument: Matta hat seine Bildwelt, bevor er sie malte, bereits verbalisiert. In Hannover sind die neueren Bilder ausgestellt, dreißig teils riesenhafte Gemälde aus den Jahren 1965 bis 1974, dazu Farbstiftzeichnungen und Druckgraphik. Und diese neuen Arbeiten sind, was die frühen nicht nötig hatten, auf das erklärende Wort angewiesen, das den Betrachter auf das große Transparente aufmerksam macht. Homo Flux, ohne Matta-Kommentar, illustriert eine Science-fiction-Story, in deren Verlauf in einem alchemistischen Labor bengalisches Feuerwerk veranstaltet wird. Matta, der Mann, der von einer imaginären Weltraumstation kosmische Visionen rapportierte, ist auf der Erde gelandet, ohne hier rechten Fuß zu fassen. Er macht Comic Strips statt der einstigen Cosmic Strips. Diese personifizierten Apparaturen und grinsenden Gummipuppen sehen aus, als ob Matta seine eigenen surrealen Erfindungen karikieren wollte. Das geht gut und wirkt ausgesprochen erheiternd, soweit es sich beispielsweise um erotische Themen, im "Bano Maria" oder "Pistilège" handelt. Aber Matta liebt es auch, politisch Stellung zu beziehen. In seinen letzten Bildern hat er, der einzige chilenische Maler mit internationalem Prestige, die chilenische Tragödie, das Verbrechen an Allende thematisiert, ein Versuch mit künstlerisch untauglichen Mitteln. Das historische Desaster ("Santiago, La moneda, 11. September 1973") gerät unversehens auf das Niveau des Comic Strips. Gottfried Sello

Wichtige Ausstellungen:

Bielefeld Bis zum 4. August, Kunsthalle: "Der Hölzelkreis bis 1914"

Kunstkalender

Neben der Dresdner "Brücke" und dem Münchner "Blauen Reiter" stellt der Stuttgarter Hölzelkreis ein drittes Aktionszentrum der deutschen Malerei vor 1914 dar, dessen Bedeutung durch Künstler wie Baumeister, Schlemmer, Itten, aber auch Meyer-Amden dokumentiert wird.

Düsseldorf Bis zum 25. August, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen: "Günter Weseler"

Auf der Düsseldorfer Retrospektive sind die meisten Weseler-Stücke, die in den letzten acht Jahren Furore machten, zu besichtigen, die einzelnen Atemobjekte ebenso wie die raumfüllenden Environments mit akustischer Untermalung, komisch oder schockierend, stilistisches Stichwort: organische Kinetik.

Köln Bis zum 8. Oktober, Kunsthalle: "Projekt’74"

Die Superschau des Allerneusten belegt vor allem zwei Trends der gegenwärtigen Kunstszene: die fast zwanghaft anmutende Beschäftigung mit der eigenen Biographie oder allgemein historischethnographischen Themen und die Nutzbarmachung der technischen und künstlerischen Möglichkeiten, die das Spiel mit und Zusammenspiel von Kamera, Videorecorder, Projektionsapparat und Monitor bietet. Alles in allem: einige wichtige neue Seherfahrungen und Denkanstöße inmitten von mancherlei modernistischem Murks.