Bonn

Was Helmut Schmidt macht, das macht er ganz. Auch Sommerfeste. Nichts sollte die Stimmung dämpfen. "Die Steuerreform", so verkündete der Kanzler, als er seine 1400 Gäste im Park des Palais Schaumburg begrüßte, "die Steuerreform: Gott hab’ sie selig." Dieser Punkt war abgehakt. Gleichgültig, was aus der Reform durch die Einspruchsrechte der Opposition geworden ist.

Helmut Schmidt hat auch Glück. Was hätte werden sollen, wenn der Sommer dieses metereologischen Mißvergnügens sich über der bunten Gesellschaft niedergeschlagen und sie in das viel zu kleine Kanzleramt getrieben hätte – es wäre nicht auszudenken gewesen. Aber der obligate Regen setzte erst gegen vier Uhr morgens ein. Und erst um diese Stunde landeten die Türken auf Zypern. Bis dahin war alles ungetrübt.

Samy Molcho stand am Eingang zu einem Zauberland. Denn neu war in diesem Jahr, daß sich die Ressorts der Bundesregierung in einer sonst ganz undenkbaren interministeriellen Leistung zu einem "Kabinettszauberpark" zusammengefunden hatten. Das Justizressort zum Beispiel präsentierte einen mittelalterlichen Pranger, an dem jeder photographisch festgehalten werden konnte; in Frau "Fockes Könner Kabinett" (FKK) ließ man sich auf Weitsichtigkeit, Atemvolumen und Hörfähigkeit prüfen (die ebenso ehrgeizige wie gesundheitsbewußte Bonner Gesellschaft war voll dabei); in den Zelten des Bildungsministers drängten sich Hunderte, um sich von Thomas von Randow, Redakteur dieser Zeitung, in intellektuelle Knobeleien verwickeln zu lassen. Es gab den "Post-Nonsens-Service"; einen Kabinetts-Watschenmann oder einen internationalen Souvenierstand des Außenministeriums; das Filmkabinett des Dr. Maihofer; eine utopische Wohnlandschaft, die der Städtebauminister präsentierte und schließlich, unter der Obhut des Kanzlers, ein magisches Kabinett, mit dessen. Hilfe Helmut Schmidt die Unterschiede zwischen Magie und Politik demonstrierte.

Und Helmut Schmidt hat auch gute Mitarbeiter. Zwar beginnen die Sommerfeste, zu deren erstem 1969 Kurt Georg Kiesinger einlud, schon Tradition zu werden. Die Republikaner gewöhnen sich daran, daß "die da oben" auch mal feiern. Umgekehrt ist es schwieriger. Ein wenig schlechtes Gewissen ist noch immer mit von der Partie, wenn anderthalb tausend Auserwählte von 60 Millionen den Kanzlerrasen betreten. Daran ändern auch Schichtarbeiter oder koreanische Krankenschwestern nichts, die diesmal mit eingeladen waren. Der Bund der Steuerzahler droht immer.

Indes, jene Mitarbeiter haben ein Maximum an Einstand mit einem Minimum an Aufwand vollbracht, nach glaubwürdigen Angaben unter 100 000 Mark. Denn um einen Einstand, und dieser im Zeichen der Sparsamkeit, handelte es sich durchaus: dem neuen Kanzler Schmidt die Ehre zu geben, darum war es trotz der Urlaubszeit vielen zu tun. Die Kämpfe um die Eintrittskarten waren denn auch sehr heftig gewesen.

Und sie kamen also: Curd und Udo Jürgens, das Ekel Alfred, Lilli Palmer, Paul Dahlke, Siegfried Wischnewski, der britische Finanzminister Denis Healey und der tschechoslowakische Außenminister Bohuslav Chnoupek. Allein die Opposition glänzte durch Abwesenheit. Als prominentesten Vertreter hatte sie den CDU-Generalsekretär Biedenkopf entsandt. Noch immer macht es den Republikanern Schwierigkeiten, ihre Feste gemeinsam zu feiern.

Aber das tat der Stimmung mitnichten Abbruch. Der Tivoli im Kanzlerpark war ein runder Erfolg. Ebenso unbefangen wie ehrlich staunte ein Gast aus dem Bereich Kredit und Kommerz: "Eine Regierung, die so feiern kann, muß doch kreativ sein." C.-C. K.