Als ein "Fluchttier" haben Zoologen das Pferd definiert; seine Waffe im wilden Kampf ums Überleben sei eben seine Fähigkeit gewesen, rasch und ausdauernd vor der Gefahr davonzugaloppieren. Und so gesehen ist ein Rennen die vernünftigste Art, die kreatürliche Qualität des Pferdes zu prüfen. Im Deutschen Derby, zum Beispiel.

Diese wichtigste klassische (nun in Deutschland zum 105. Male entschiedene) Prüfung dreijähriger Vollblutpferde lockte am vergangenen Sonntag rund 30 000 Zuschauer auf die Rennbahn in Hamburg-Horn. Protokollarische Nummer eins auf der Ehrentribüne war Bundeskanzler Helmut Schmidt, und das wohl nicht nur deshalb, weil Hamburg-Horn zu seinem Bundestagswahlkreis gehört.

Ob und wie Helmut Schmidt auf das Derbyergebnis getippt hat, war nicht zu erfahren (warum eigentlich nicht?); falls er auf Meinberg aus dem Gestüt Wehldorfer Holz gesetzt haben sollte, war er ebenso auf dem Holzweg wie die meisten Turf-Experten. Diesem Pferd war die erste Favoritenrolle zugebilligt worden, zumal als bekannt wurde, daß Lester Piggott es reiten werde. Der britische "Karajan der Jockeis", der schon dreimal auf einem deutschen Derby-Sieger saß, mußte sich diesmal aber mit einem Fernerliefen-Platz im Feld, der neunzehn Teilnehmer begnügen.

"Nüster an Nüster" siegte Marduk aus dem Stall der Gräfin Batthyany, geritten von Joan Pall, neben Lord Udo aus dem Gestüt Röttgen, unter Willi Carson, dem englischen Jockei-Champion der Jahre 1972 bis 1973. Erst die Vergrößerung der Zielphotographie ergab zweifelsfrei, wer da nach 2400 Metern am Zielpfosten um Zentimeter vorn lag.

Marduk hatte sich zu Beginn der Saison derart verletzt, daß er zwei Monate lang nicht trainiert werden konnte. Zu seinem und seines Trainers Glück war in diesem Jahr das Deutsche Derby, um dem Trubel der Fußball-WM zu entgehen, einige Wochen hinausgeschoben worden. Trainer von Marduk ist Hein Bollow. Als Jockei hat er das Deutsche Derby viermal gewonnen, als Trainer zum ersten Male.

Nicht wenige Pferdesport-Fans hatten es eilig, gleich nach dem Derby vom Platz ans Fernsehgerät zu eilen: Zu sehen war, wie in Hickstead, England, Hartwig Steenken aus Mellendorf in Niedersachsen Weltmeister im Springreiten wurde. Auf Simona, der schon siebzehnjährigen Fuchsstute, dem ältesten Pferd in diesem Wettbewerb, war er schon in der Qualifikation der Beste. Im Finale siegte er im Stechen gegen den Iren Eddie Macken, dank seiner und Simonas besserer Nerven.

Und mit diesem Erfolg wurde ein deutscher Pferdesportsonntag in diesem Sommer des Mißvergnügens, in dem überhaupt nur der Sport für Lichtblicke sorgt, rundum erfreulich, für Steenken, Bollow, Batthyany und Pall und sicherlich auch für Schmidt. Peter Dubrow