Mehr Zeit zum Denken

Von Ruth Dirx

Unter dem Nachlaß meiner Großeltern fand sich ein altes, handgeschriebenes Buch. Eine meiner weiblichen Vorfahren hatte darin vor gut 150 Jahren alles aufgeschrieben, was für sie damals wissenswert war. Ich kann die Schrift nur schwer entziffern, weil meine Urahne plattdeutsch schrieb. Wenn ich heute die vielen Ratschläge lese, über Garten und Feldbau, über Viehzucht und alles, was damals ein bäuerliches Hauswesen ausmachte, dann komme ich aus dem Staunen nicht heraus: Jener Haushalt des Jahres 1820 war ein regelrechter Produktionsbetrieb, in dem alles, was wir heute fertig kaufen, selbst hergestellt wurde? Brot, Butter, Käse, Wein, Essig, Bier...; es wurde gesponnen, gewebt, genäht, es wurde Seife und Leim gekocht, Kerzen wurden gezogen, Arzneimittel gegen allerlei Krankheiten gebraut und vieles mehr. Sogar die Tinte, mit der das Buch geschrieben ist, wurde aus Galläpfeln, Eisenvitriol und arabischem Gummi selbst angerührt.

Dazu muß man sich noch vorstellen – was in dem Buch ebenfalls mit Jahr und Tag vermerkt ist –, daß diese vielbeschäftigten Frauen nahezu ständig schwanger waren. Manchmal liegen keine zwölf Monate zwischen den Geburtsdaten. Wenn meine Großmutter sich an diese häusliche Plackerei und den turbulenten Kindersegen erinnerte, dann holte sie jedesmal tief Luft:"... ja, und abends, wenn die neun Kinder endlich im Bett lagen, dann fühlte ich mich wie im Himmel."

Wenn ich daran denke, wie diese meine Vorfahren gelebt haben, dann sehe ich meine eigene Situation unter wesentlich anderen Vorzeichen. Ich genieße das Glück, nicht so schuften zu müssen wie meine Großmütter, meine Urahnen. Und – wenn ich mich so umsehe, in der Stadtrandsiedlung, in der wir wohnen, dann wehrt sich etwas in mir gegen die weitverbreitete Ansicht, hinter den Fenstern der "anonymen" Wohnblocks säßen nur frustrierte Frauen, die sich zu Tode langweilten.

Diese Vorstellung von den ach so bedauernswerten grünen Witwen kann eigentlich nur in den Köpfen von Söhnen und Töchtern wohlhabender Familien entstanden sein. Aus der Perspektive eines großbürgerlichen Hauses, wo die praktische Arbeit von Dienstboten geleistet wurde, mögen sich die genormten Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen als ein Alptraum darstellen. Aber die Frauen, die ich morgens in unserem Einkaufszentrum treffe, sind keine Nachkommen von Großbürgern. Sie wohnten, bevor sie hier einzogen, vielleicht bei den Eltern. Viele haben zum erstenmal eine eigene Wohnung mit Bad, mit neuen Möbeln, einem geräumigen Wohnzimmer, einem eigenen Zimmer für das Kind, ein Zuhause nach eigenen Vorstellungen.

Und sie haben etwas, wovon unsere Vorfahren nicht einmal träumen konnten: Sie haben Zeit! Wenn sie an den Straßenecken stehen und "tratschen", gönne ich ihnen die Zeit, die sie haben. Zeit – das ist ein Stück Freiheit. Mag sein, daß diese grünen Witwen sich gelegentlich langweilen, aber: Die Langeweile ist ein Freund der Tätigkeit!

Aus dieser Langeweile sind inzwischen Aktivitäten entstanden. Als ich vor einiger Zeit für eine Bürgerinitiative Unterschriften sammelte, habe ich viele jener Frauen kennengelernt. Nun treffen wir uns ab und zu auf der Straße oder im Supermarkt, und dann sprechen wir über Dinge, die uns mitteilenswert erscheinen.

Mehr Zeit zum Denken

Gerda S. war früher kaufmännische Angestellte, sie erzählte mir: "Als ich anfangs hier wohnte, habe ich so richtig schön rumgegammelt. Das Baby machte noch wenig Arbeit. Ich hab’ meine Wohnung gepflegt, die Möbel gestreichelt. Als ich dann eines Tages vom Arzt erfuhr, daß ich keine Kinder mehr bekommen kann, sah die Sache etwas anders aus. Ich war auf einmal morgens schneller fertig mit der Hausarbeit. Wir empfanden es als Mangel, daß unsere Anke keine Geschwister haben würde und bemühten uns um ein Adoptivkind."

Seit einem halben Jahr hat Anke S. einen vierjährigen Bruder, ein kleiner Indio aus Bogota. Und Frau S. berichtet auch jedem, der es wissen will, was man tun muß, um ein Adoptivkind zu bekommen. Jeder kennt die junge Frau mit dem netten kleinen Indiobuben.

Kennengelernt haben sich auch viele Frauen, als der "Kinderpark" in unserem Gemeindehaus eingerichtet wurde. Hier kann man einmal in der Woche die Kinder abgeben, wenn man in die Stadt fahren will oder zum Arzt möchte. Als Gegenleistung haben die Frauen einmal in der Woche "Dienst". Einmal im Monat treffen sich die Beteiligten mit der Kindergärtnerin, die den "Kinderpark" betreut. Sie besprechen den Dienstplan und unterhalten sich über Erziehungsprobleme. Seitdem man sich Gedanken über neue Formen der Erziehung macht, setzen sich diese Gespräche fort, auf der Straße, im Treppenhaus, am Kaffeetisch. Kinder sind das Thema Nr. 1.

Über die Probleme mit den Kindern wächst bei vielen das Interesse am öffentlichen Leben. Früher kapselte man sich ab – damit es keinen Streit gibt, so hieß es. Heute geht man mehr aus sich heraus. Man hat ja auch mehr Zeit. Die Frauen denken nach, sie sehen fern und haben gelernt, Querverbindungen zwischen ihrem persönlichen und öffentlichen Leben zu erkennen. Das ist eine aufregende Sache, darüber kann man stundenlang reden. Wenn man mit den Frauen spricht, hat man den Eindruck, daß sie progressiver, unkonventioneller denken als ihre Männer. Kein Wunder, diese Frauen sind ja auch unabhängig. Sie müssen sich nicht den Kollegen anpassen, brauchen sich keinem Chef unterzuordnen.

Eine der Frauen, Eva P., hat daraus die Konsequenz gezogen. Sie ist vor zwei Jahren in eine Partei eingetreten. Schlagfertig und mit ausgeprägtem Sinn für Humor begabt, erwarb sie sich rasch Vertrauen und Sympathie in der Partei, und sie stieg auf. Die männlichen Parteigenossen beobachten ihren Blitzstart mit argwöhnischer Unsicherheit. Sie aber sagt: "Ich will ja keine Karriere machen, wie diese Männer; das kann ich mir vorläufig noch gar nicht leisten, mit meinen beiden kleinen Kindern." Diese Unabhängigkeit nutzt sie aus, um Probleme und heiße Eisen anzufassen, die von den Postenjägern in der Partei immer wieder unter den Teppich gekehrt werden. Mit dieser Unerschrockenheit gewinnt sie Wählerstimmen. Aber ich glaube ihr, wenn sie sagt, daß es ihr darauf erst in zweiter Linie ankommt. "Wer soll es denn sonst tun", sagt sie, "wir Frauen könnten doch von unserer Freiheit viel mehr Gebrauch machen."

Mit diesem Argument hat sie schon viele Frauen dazu animiert, sich politisch zu betätigen. Meist sind es einzelne Frauen, die den Anfang machen, die aus ihrer Isolation heraustreten und deren Aktivität dann auf andere ansteckend wirkt. Und nicht immer richtet sich die Initiative so deutlich nach außen.

Dorothee H. ist eine Endfünfzigerin. Ihr Mann wird in einigen Jahren pensioniert. Die beiden haben in unserer Nähe eine Eigentumswohnung gekauft. "Bevor wir kauften, hab’ ich mir die Leute genau angesehen, die dieses Achtfamilienhaus bewohnen würden. Ich wollte wissen, ob das Leute sind, mit denen wir alt werden möchten", sagt Frau H.

Mehr Zeit zum Denken

Alle vier Wochen treffen sich die Bewohner in einer der acht Wohnungen und besprechen alles, was in so einem Haus anfällt. Die Initiative dazu ging von Dorothee H. aus. Und alle 14 Tage kommen die Frauen zusammen und spielen Canasta. Frau H. macht sich nicht viel aus Canasta, aber sie möchte mit den Leuten im Haus gut auskommen. "Man braucht sich doch", sagt sie, "wenn zum Beispiel einer krank wird, ruft er bei mir an, das haben wir so verabredet. Dann überlegen wir, wer die Pflege übernimmt, die Hausarbeit, die Kocherei, das Einkaufen. Gerade in solchen Krankheitsfällen zeigt sich, was eine gute Hausgemeinschaft wert ist."

Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten, darüber ist so oft geredet worden, daß man völlig vergißt, welche Chancen diese Hausfrauen doch auch haben. Sind sie nicht – wenn man ihre Situation einmal ohne Vorurteile betrachtet – die ersten Gewinner unserer technischen Zivilisation?

Einige nutzen dieses Privileg nach Kräften aus. Daneben wächst aber die Zahl der Hausfrauen, die darüber nachdenken, was man verändern müßte, um auch den Männern etwas von diesem Kapital an Zeit und an Unabhängigkeit zukommen zu lassen, das sie bereits besitzen.