Gerda S. war früher kaufmännische Angestellte, sie erzählte mir: "Als ich anfangs hier wohnte, habe ich so richtig schön rumgegammelt. Das Baby machte noch wenig Arbeit. Ich hab’ meine Wohnung gepflegt, die Möbel gestreichelt. Als ich dann eines Tages vom Arzt erfuhr, daß ich keine Kinder mehr bekommen kann, sah die Sache etwas anders aus. Ich war auf einmal morgens schneller fertig mit der Hausarbeit. Wir empfanden es als Mangel, daß unsere Anke keine Geschwister haben würde und bemühten uns um ein Adoptivkind."

Seit einem halben Jahr hat Anke S. einen vierjährigen Bruder, ein kleiner Indio aus Bogota. Und Frau S. berichtet auch jedem, der es wissen will, was man tun muß, um ein Adoptivkind zu bekommen. Jeder kennt die junge Frau mit dem netten kleinen Indiobuben.

Kennengelernt haben sich auch viele Frauen, als der "Kinderpark" in unserem Gemeindehaus eingerichtet wurde. Hier kann man einmal in der Woche die Kinder abgeben, wenn man in die Stadt fahren will oder zum Arzt möchte. Als Gegenleistung haben die Frauen einmal in der Woche "Dienst". Einmal im Monat treffen sich die Beteiligten mit der Kindergärtnerin, die den "Kinderpark" betreut. Sie besprechen den Dienstplan und unterhalten sich über Erziehungsprobleme. Seitdem man sich Gedanken über neue Formen der Erziehung macht, setzen sich diese Gespräche fort, auf der Straße, im Treppenhaus, am Kaffeetisch. Kinder sind das Thema Nr. 1.

Über die Probleme mit den Kindern wächst bei vielen das Interesse am öffentlichen Leben. Früher kapselte man sich ab – damit es keinen Streit gibt, so hieß es. Heute geht man mehr aus sich heraus. Man hat ja auch mehr Zeit. Die Frauen denken nach, sie sehen fern und haben gelernt, Querverbindungen zwischen ihrem persönlichen und öffentlichen Leben zu erkennen. Das ist eine aufregende Sache, darüber kann man stundenlang reden. Wenn man mit den Frauen spricht, hat man den Eindruck, daß sie progressiver, unkonventioneller denken als ihre Männer. Kein Wunder, diese Frauen sind ja auch unabhängig. Sie müssen sich nicht den Kollegen anpassen, brauchen sich keinem Chef unterzuordnen.

Eine der Frauen, Eva P., hat daraus die Konsequenz gezogen. Sie ist vor zwei Jahren in eine Partei eingetreten. Schlagfertig und mit ausgeprägtem Sinn für Humor begabt, erwarb sie sich rasch Vertrauen und Sympathie in der Partei, und sie stieg auf. Die männlichen Parteigenossen beobachten ihren Blitzstart mit argwöhnischer Unsicherheit. Sie aber sagt: "Ich will ja keine Karriere machen, wie diese Männer; das kann ich mir vorläufig noch gar nicht leisten, mit meinen beiden kleinen Kindern." Diese Unabhängigkeit nutzt sie aus, um Probleme und heiße Eisen anzufassen, die von den Postenjägern in der Partei immer wieder unter den Teppich gekehrt werden. Mit dieser Unerschrockenheit gewinnt sie Wählerstimmen. Aber ich glaube ihr, wenn sie sagt, daß es ihr darauf erst in zweiter Linie ankommt. "Wer soll es denn sonst tun", sagt sie, "wir Frauen könnten doch von unserer Freiheit viel mehr Gebrauch machen."

Mit diesem Argument hat sie schon viele Frauen dazu animiert, sich politisch zu betätigen. Meist sind es einzelne Frauen, die den Anfang machen, die aus ihrer Isolation heraustreten und deren Aktivität dann auf andere ansteckend wirkt. Und nicht immer richtet sich die Initiative so deutlich nach außen.

Dorothee H. ist eine Endfünfzigerin. Ihr Mann wird in einigen Jahren pensioniert. Die beiden haben in unserer Nähe eine Eigentumswohnung gekauft. "Bevor wir kauften, hab’ ich mir die Leute genau angesehen, die dieses Achtfamilienhaus bewohnen würden. Ich wollte wissen, ob das Leute sind, mit denen wir alt werden möchten", sagt Frau H.