Noch vor der Premiere von "Monsieur Verdoux – A Comedy of Murder" im Jahre 1947 erzählte Chaplin einem Journalisten: "Dies wird mein wichtigster Film. Aber ich weiß, daß er gefährlich ist. Die Story kümmert sich gar nicht um die Grenzen, die eine Konvention gezogen hat. Es ist eine Ladung Dynamit. Es wird ein Film sein voll Schönheit und Humor. Aber zugleich eine Tragödie. Unschuld und Brutalität gehen Hand in Hand. Die Geschichte spielt in einer Gemeinschaft von Menschen, die Mord als gesetzmäßig erklären, wenn es in ihren Kram paßt, zu ihrer eigenen Verteidigung. Aber in ihrer Angst, selbst unterzugehen, verraten sie den Mörder. Dieser Mörder ist ein Träumer, ein Poet, der Rosen und Kinder liebt. Er weiß gar nicht, was Mord eigentlich ist. Er weiß nur, daß er Angst hat und daß er leben muß. Darum schlägt er seine Frauen tot. Die Menschen haben sowohl Gutes wie Schlechtes in sich. Es sind die Umstände, die sie zu einem von beiden zwingen."

Die wenigen progressiven amerikanischen Kritiker jener Jahre, allen voran James Agee und Robert Warshow, folgten mit williger Begeisterung der Interpretation des Autors, begriffen "Monsieur Verdoux" als böse Parabel auf die Unmenschlichkeit einer Zeit, die den organisierten Massenmord staatlich sanktioniert und den kleinen Mörder auf die Guillotine schafft. Der sanfte Blaubart Henri Verdoux, der den Mord als Geschäft betreibt, erfüllt nur die Gesetze einer Gesellschaft, deren Geschäfte zwangsläufig im großen Morden kulminieren.

So weit, so gut. Heute freilich, 27 Jahre und etliche Kriege und Revolutionen später, hat Chaplins einst so explosive Botschaft ihre brutale Originalität weitgehend verloren. Was kurz nach Auschwitz und Hiroshima bestürzend neu war, ist als Thema von Kunst und Literatur in den letzten Jahrzehnten bis zum Überdruß variiert worden, ist längst zum griffigen Klischee der Kulturpessimisten aller Lager verkommen.

Das Wiedersehen mit diesem "Monsieur Verdoux" lehrt freilich, daß sich Chaplins Film nicht so ohne weiteres auf eine plane "message" reduzieren läßt. Jenseits des humanistischen Pathos bleibt eine Fülle von Widersprüchen, Irritationen und Brüchen zu entdecken, die den Betrachter immer wieder listig in die Irre führen. Angedeutete Motive werden unversehens fallengelassen, haarsträubende Merkwürdigkeiten entziehen sich wie selbstverständlich einer plausiblen rationalen Erklärung.

Aus der historischen Distanz drängen sich viele Parallelen zu Luis Buñuel auf, nicht nur zum "Verbrecherischen Leben des Archibaldo de la Cruz", einem Film, der thematisch mit "Monsieur Verdoux" zu tun hat, sondern auch und zumal zu Buñuels subtil subversivem Spätwerk, das seine Sprengkraft ja ebenfalls weniger aus der Handlung denn aus der Erzählweise bezieht. Wie bei Buñuel ereignet sich in Chaplins komplexestem Film das Unmögliche mit ruhigem Gleichmut.

Das fängt an mit der höchst bizarren Erzählperspektive. Wenn der Film beginnt, ist Verdoux längst tot, doch der Zuschauer sieht sich aufgefordert, die freundliche Stimme aus dem Jenseits ebenso zu akzeptieren wie später die hanebüchenen "Zufälle" des Ablaufs: das Auftauchen von Annabella Bonheur bei der Hochzeit von Verdoux und der lüsternen Blondine Marie Grosnay, das Wiedersehen mit der jungen Kriegerwitwe, die sich von Verdoux einst helfen ließ und nun die Freundin eines Rüstungsfabrikanten ist. All das geschieht ohne plausible Erklärung, mit der zielstrebigen Vernunft eines Alptraums.

Auch die Figur des Monsieur Verdoux erweist sich bei näherem Hinsehen als Amalgam der unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Eigenschaften. Da ist der sensible Rosenkavalier am Anfang, der einer Seidenraupe das Leben rettet, während die Überreste seiner letzten Gattin als schwarze Wolken aus dem Kamin ziehen. Da ist der lüstern verklemmte Don Juan, dessen überstürzte Liebeserklärung an Madame Grosnay beinahe in eine Vergewaltigung ausartet. Da ist der biedere Familienvater, der mit verkrüppelter Frau und herzigem Sohn das Glück im Winkel sucht.