Die französischen Bauern fordern von Paris finanzielle Unterstützung

Frankreichs Bauern haben ein neues Kampfmittel entdeckt: Jauche. Vergangene Woche schlugen sie mit dem landwirtschaftlichen Abfallprodukt sogar einen Minister in die Flucht.

Dieses Mißgeschick passierte Robert Galley, im Kabinett Chirac für Straßenbau verantwortlich, als er den neuen Autobahnabschnitt Orleans –Tours einweihen wollte. Da er keine Lust hatte, unter dem Hohngelächter der Bauern durch die zentimeterhoch auf der Fahrbahn stehende übelriechende Brühe zu waten, zog er sich unverrichteterdinge zurück und überließ das kalte Büfett den Demonstranten.

Doch damit nicht genug. Die unzufriedenen Landwirte demonstrieren, daß ihnen nichts mehr heilig ist. Nicht einmal die Tour de France verschonten sie in ihrem Zorn. Hatten sie nach einer Etappe durch die Bretagne dem Sieger noch Artischocken statt Blumen überreicht, so mußte ein paar Tage später sogar "Pou-Pou" Poulidor, Idol der radfahrenden Nation, vom Drahtesel steigen: Die Straße nach Bordeaux war mit Nägeln übersät.

Um spektakuläre Protestmethoden waren Frankreichs Landwirte noch nie verlegen. Doch so einfallsreich wie in diesen Tagen waren sie selten. Sie führten ihre Kühe auf der mondänen Strandpromenade von Deauville spazieren. In Tulle bombardierten sie Metzgereien mit Mist. Auf dem Flughafen von Brest hinderten Traktoren Flugzeuge am Start. Vor zahlreichen Präfekturen wurden Mistladungen verteilt und Jauchefässer geleert. Und an der belgischen Grenze schlugen sie einen Lastwagenfahrer krankenhausreif; sein Fahrzeug war mit Importfleisch vollgeladen.

Die jüngste Welle von Demonstrationen und Gewalttätigkeiten ging von zwei Gruppen aus: den Viehzüchtern und Obstbauern. Letztere wollten auf ein ebenso altes wie ungelöstes Problem hinweisen: den fast alljährlichen Preisverfall zur Erntezeit. Auf dem Fleischmarkt ist die Situation dagegen komplizierter: Die Rindfleischpreise sind für die Hersteller beträchtlich gefallen, obwohl die neun EG-Länder ein Defizit von 25 000 Tonnen Rindfleisch für 1974 aufweisen. Da jedoch die Einfuhren aus Drittländern in den letzten Monaten rapide zunahmen, bekommen nicht zuletzt Frankreichs Bauern immer weniger Geld für ihre Rindviecher.

Selbst als die Brüsseler Kommission die Fleischimporte stoppte, ließen die französischen Landwirte nicht von ihrem Aufstand ab. Erneut rollten Jauchefässer und Mistwagen, wurden Autobahnen blockiert, Schnellzüge angehalten, Finanzämter gestürmt und Chausseebäume gefällt. In aller Eile rief Staatspräsident Giscard d’Estaing die Fachminister zum Frühstück ins Elysée. Sie beratschlagten darüber, was für die Einkommen der Bauern unternommen werden könnte, die (nach ihrer eigenen Rechnung) in diesem Jahr voraussichtlich 17 Prozent niedriger ausfallen werden als 1973.