Von Helmar Frank

Dr. Helmar Frank ist Professor der Kybernetik und Bildungstechnologie an der Gesamthochschule Paderborn. Als deutscher Beobachter nahm er an der Abschlußveranstaltung eines internationalen Schulversuchs zum Thema Plansprachenunterricht teil, die in Primosten (Jugoslawien) stattfand. Die dort gemachten Beobachtungen und Erfahrungen werden auch Gegenstand des 59. Esperanto-Weltkongresses sein, der vom 27. Juli an in Hamburg stattfindet.

Es amüsiert uns, einen Ungarn mit einem Kroaten deutsch radebrechen zu hören. Die gleiche Komik entgeht uns, wenn wir selber uns mit einem Japaner auf englisch zu verständigen suchen. In beiden Fällen ist die Sprache zum bloßen Verständigungsmittel geschrumpft, ihre vielfältigen, geschichtlich entstandenen Besonderheiten sind zwecklos geworden wie die Fassade eines Patrizierhauses an einem Selbstbedienungsladen.

Von Städteplanern erwarten wir, daß sie die Objekte ihres Interesses nicht einfach so wachsen lassen. Wenn aber der Interlinguist entsprechend verfährt und Unregelmäßigkeiten der geschichtlich gewachsenen Sprachen ausscheidet, die strukturellen Vorteile dieser Sprachen und ihren Grundwortschatz geschickt kombiniert und auf diese Weise eine zwar wie chemisch gereinigt wirkende, an Ausdrucksmöglichkeiten jedoch jede geschichtlich gewachsene Sprache weit übertreffende Plansprache entwickelt, dann haftet diesem Unterfangen das Odium der Utopie an. Was so eine Plansprache aber vermag, das zeigten jetzt die ersten Ergebnisse eines Schulversuchs, der unter der Flagge der Unesco und der wissenschaftlichen Betreuung des interlinguistischen Lehrstuhls der Universität Budapest in den letzten drei Jahren in Bulgarien, Italien, Österreich, Ungarn und drei jugoslawischen Sprachbereichen durchgeführt wurde.

Fast 1000 Schüler in 39 Schulklassen (vom zweiten bis zum fünften Schuljahr) lernten als erste Fremdsprache die am weitesten verbreitete der noch rivalisierenden Plansprachen, nämlich "Internacia Lingvo Esperanto", kurz: Esperanto. Überprüft wurde jetzt die Voraussage, daß die Schüler aller sieben beteiligten Sprachbereiche in kaum mehr als 200 Lernstunden mindestens die gleiche Kommunikationsfähigkeit erreichen können, wie dies in den etwa 1500 Stunden gelingt, die bis zum Abitur für Englisch als erste Fremdsprache aufgewendet werden. Eine derart gravierende Zeitersparnis beim Erlernen der ersten Fremdsprache hätte beträchtliche bildungsökonomische, lehrplantheoretische und nicht zuletzt sprachpolitische Konsequenzen.

Etwa 100 der beteiligten Schüler bewiesen nun imjugoslawischen Urlaubsort Primošten bei Sibenik eine Woche den eingeladenen Journalisten und Wissenschaftlern die Richtigkeit der sprachpädagogischen Vermutung. Auf vier sprachlich gemischte Klassen verteilt, arbeiteten sie vormittags in der Dorfschule rege mit, wo ihr internationales Lehrerkollegium die verschiedenen Fächer in Esperanto unterrichtete. Nachmittags überschwemmten sie freiwillig die Redaktion ihrer Zeltlager-Tageszeitung mit selbst verfaßten Esperanto-Gedichten, kurzen Aufsätzen und Briefen.

In den beteiligten Ländern wird nach dem erfolgreichen Abschluß des Experiments Esperanto verstärkt unterrichtet, vor allem in Ungarn und Bulgarien, wo diese Plansprache nun gleichberechtigt neben den bisherigen Schulfremdsprachen steht. In Deutschland, England, Frankreich und den Benelux-Ländern ist vom Schuljahr 1975/76 an ein weiterer Versuch geplant, wobei vor allem die bisher nur für ungarische Schüler wissenschaftlich nachgewiesene erhebliche Lernerleichterung gemessen werden soll, die der Plansprachenunterricht für das spätere Lernen anderer Fremdsprachen bewirkt.