ARD, Sonntag, 21. Juli: "Tatort", von Friedhelm Werremeier und Peter Schulze-Rohr

Also, wenn der NDR Alarm schlägt, dann, auf Norddeutsch gesagt, "kennt sie nix", dann schwingt Schleswig-Holsteins Bereitschaftspolizei sich auf die Mannschaftstransportwagen und wieder herunter, um hundertschaftenstark in Wald und Flur auszuschwärmen. Zum dritten Male (mindestens) ist sie jetzt blaulichtblinkend in imposanter Kolonne zu einem "Tatort" der Hamburger Sendeanstalt gerollt. Und das ist gut so.

Denn da sieht man einmal, wie die Staatsmaschinerie sich in Bewegung setzt, ein perfekter Automat, in den der Bürger seinen Steuer-Hundertmarkschein steckt. Zahnräder in dieser Maschinerie sind der Gerichtsmediziner, der, ohne auf Überstundenhonorar zu pochen, den Pistolenschußkanal in einer Leiche wissenschaftlich unanfechtbar analysiert und zudem Pulverspuren-Paraffintests anstellt, und der Regierungsrat, der seinen Posten als Müllkippen-Chef auf leichte Weise äußerst ernst nimmt, und nicht zuletzt der Kriminalobermeister, ein beamteter Mensch niederen Dienstgrads, der sich vor "hohen Tieren" nicht fürchtet, die Arroganz eines Rechtsanwalts paragraphen-exakt abwürgt und einer im Zweifelsfall zwanzigmal mehr verdienenden Unternehmerin ins Gesicht sagt, daß sie zur Mitmörderin wurde, nur, um einer "mittelprächtigen Pleite" zu entgehen. Schwungräder in solcher Staatsmaschinerie schließlich sind die Kriminalkommissare Trimmel und Finke.

"Tatort"-Fans wissen: Trimmel ist der Schauspieler Walter Richter, und Finke ist Klaus Schwarzkopf. Dann und wann werden sie von Programmzeitschriften-Reporterinnen interviewt und geben zu erkennen, daß sie lieber anderes spielen würden. Doch welche Rolle, ganz ohne Ironie gefragt, ist denn heute wichtiger als jene des Kommnissars? Soviel über Krimis schon psychologisiert und soziologisiert worden ist, so wenig weiß man immer noch; warum sie Fernsehfurore machen, fast wie Fußball. Sicher jedoch ist das: Mit dieser dramatischen Ware für Millionen läßt sich öffentliche Meinung machen oder korrigieren.

Diesmal ging’s um Giftmüll und gewissensschwache Unternehmer in ihrem Friß-oder-werdegefressen-Konkurrenzkampf. Das hob ganz prächtig an; zum Schluß aber wurde es schwierig, den Werremeierschen Handlungsknoten aufzudröseln, für den Zuschauer wie offenkundig auch für Regisseur Schulze-Rohr, der eine Art Krimikammerspiel-Sequenz mit nichts als Gerede benötigte, bis man wußte, woran man war. Trotzdem, verglichen mit diesem "Tatort"-Drama war alles andere, was in diesen Tagen an Detektivgeschichten im Überfluß zum Überdruß gezeigt wurde, ziemlich langweilig.

Was aber blieb in den kleinen, grauen Hirnzellen der Zuschauer am nachhaltigsten hängen? Man darf gewiß sein, daß es die Staatsmaschinerie ist, mit den zuweilen mürrischen und stets willigen Beamten, mit der Intelligenz ihrer Ämter und mit der schleswig-holsteinischen Bereitschaftspolizei, versteht sich. Höchst sympathisch wirkte das alles auf den steuerzahlenden Bürger, der kein Law-and-order-Mensch zu sein braucht, wenn er solche Polizei, die ihn vor Blausäure im Trinkwasser bewahrt, sogar bewundert. Und so sah man ein schönes Stück heiler Welt des öffentlichen Dienstes.

Was macht Krimis so beliebt? Daß sie die Märchen unserer Zeit sind. Peter Dubrow