Gemessen am Katalog der Werke des Beförderten ist die jüngste Entscheidung von Johannes Rau, dem Minister für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, ganz konsequent: Nach der von links wie rechts mit Unbehagen oder Argwohn bedachten Berufung Karlheinz Stockhausens an die Kölner Musikhochschule machte er nun den 1931 in Argentinien geborenen und seit 1957 in Köln wohnenden Mauricio Kagel zum Professor. Im Wintersemester wird der neue Dozent im selben Hause eine Klasse für "Neues Musiktheater" leiten.

Mit dieser mutigen Bestallung gewann die Kölner Hochschule unter ihrem unlängst berufenen Direktor, dem Cellisten Siegfried Palm, einen vielseitigen Mann. Das Produzieren neuer und das Analysieren eigener wie fremder Werke sind denn auch das, was Kagel im Unterschied zur überlieferten Art, Komposition zu lehren, "mit einem Höchstmaß an Professionalität" betreiben möchte. Es grenzt seinen neuen Aufgabenbereich deutlich vor aller Mißdeutung ab: Seine Klasse beschäftigt sich zum einen "mit allem, was nicht Oper ist"; zum anderen möchte er grundsätzlich "alles, was neu ist, für das Musiktheater offen lassen" – ein Stück, in einer Straßenbahn produziert, hält der mit allen Wassern des absurden Theaters gewaschene Allround-Künstler auch nicht für ausgeschlossen.

Ein Jahrzehnt lang, so ließ der neue Professor bei der Entgegennahme der Urkunde wissen, habe er die Direktion einer Kompositionsklasse traditioneller Art abgelehnt. "Ich wäre kein guter Kompositionslehrer", sagte er, "zumal da ich auch nicht lehren möchte, was mich einmal auf diesem Wege gelehrt worden ist." Er weiß genau, daß seine Arbeiten – von "Anagrama" über die Vielzahl der Vokal- und Instrumentalwerke, Theaterstücke, Musikfilme und Hörspiele bis zur abendfüllenden "Staatstheater"-Kreation – kaum oder nur mittelbar dazu geeignet sind, in einen institutionalisierten Lehrkanon erhoben oder gar integriert zu werden.

Noch vor Beginn seiner neuen Arbeit – die seit fünf Jahren von ihm geleiteten "Kölner Kurse für Neue Musik" setzt er fort – läßt er keinen Zweifel daran aufkommen, daß die Studierenden seiner Klasse "Neues Musiktheater" niemals Stücke auf dem üblichen Notenliniensystem schreiben werden. Sein Ziel ist klar umrissen: "Theorie und Praxis all jener musiktheatralischen Manifestationen zu erarbeiten, die im Bereich des Genres Oper keinen adäquaten Platz finden."

Und es verlangt ihn danach, den einer wissenschaftlichen Kunsthochschule beigegebenen Forschungsauftrag zu erfüllen. Er will den Mangel an Systematik bekämpfen. Deshalb unterwirft er Komponisten und Interpreten bei der Aufnahmeprüfung unterschiedlichen Tests. Von den einen erbittet er die "Vorlage von eigenen Kompositionen, in denen eine musiktheatralische Behandlung des kompositorischen Materials – in konventionellem oder unkonventionellem Sinn – ersichtlich wird"; von den anderen erwartet er die "Vorführung eines (Solo-)Stückes mit szenischem Ablauf beziehungsweise freie Darstellung der theatralischen Elemente eines Werkes absoluter Musik beliebigen Stils"; von allen verlangt er die mündliche Analyse der musikalischen und theatralischen Dramaturgie eines beliebigen szenischen oder filmischen Werkes (Oper, Ballett, Musikfilm und so weiter) sowie mündliche und schriftliche Auslegungen zum Thema "Musik und Szene".

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, wird nicht nur inhaltlich deutlich: allein die Berufung Mauricio Kagels an ein traditionelles Lehrinstitut von hohem Rang bedeutet musikhistorisch einen tiefen Einschritt. Peter Fuhrmann