Von Gunhild Freese

Ein Hauch von Nerz macht den grauen Alltag erst schön. Während sich Italiener über Streiks, teure Lebensmittel und Staatskrise sorgen, präsentieren ihnen die Couturiers von Rom und Florenz mehr Luxus denn je – Nerz, Hermelin, Schlangenleder, Samt und Seide.

Auch deutsche Verbraucherinnen schmücken sich für freudlose Zeiten: Sie erstehen ihren neuen Nerzmantel in der höheren Preislage, sehen beim Schmuckkauf nicht auf den Preis, sondern auf den Karatwert und legen teure Orientteppiche ins Heim.

Doch der schöne Schein trügt. Seit nunmehr einem Jahr registriert der deutsche Einzelhandel ein völlig neues Verbraucherverhalten. Die Konsumenten rechnen wieder mit dem Pfennig:

  • Bei Nahrungsmitteln und Textilien wird Ware der unteren Preisklassen gekauft.
  • Sonderangebote werden wahrgenommen.
  • Qualität hat gegenüber der Mode Vorrang.
  • Der Kauf von langlebigen Gebrauchsgütern – Kühlschränke, Waschmaschinen und Autos – wird hinausgeschoben.
  • Es wird wieder mehr gespart.

"Die Verbrauchsgüterkonjunktur", so konstatierte der Konsumgüterausschuß des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, "schwächt sich weiter ab." Karl Otto Pöhl, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, machte bereits eine "Rezession in der Inlandskonjunktur" aus. "Die Bürger der Bundesrepublik", so kommentierte Finanzminister Hans Apel die neue Lage, "müssen sich damit abfinden, nicht länger in einer Überflußgesellschaft zu leben."

Die Situation ist gekennzeichnet durch hohe Arbeitslosigkeit, steigende Kurzarbeiterzahlen, ungewohnt hohe Preissteigerungsraten und bislang ausbleibende Anzeichen für eine Tendenzwende. Schneller als erwartet und stärker als von Handel und Industrie erhofft, haben die Konsumbürger vom Überfluß Abschied genommen.