Im Jahre 1970 waren die Kölner Bühnen mit ihrem klassischen Ballett-Latein am Ende. Ein "Tanzforum" sollte aus der Not helfen. Vier junge Choreographen, die sich vorher mit ihren Tanzexperimenten auf Spielwiesen, sorgfältig abgegrenzten Ballettmatineen tummeln durften, sollten nun an die Stelle der unansehnlichen, ausgelaugten Ballettmärchen ein möglichst breit gefächertes attraktives Repertoire setzen. Das Vorhaben ließ sich vielversprechend an. Die Choreographen, begierig auf neue Kontakte auch zu den Nachbarkünsten Schauspiel oder bildender Kunst, brachen die ästhetische Inzucht ihrer Ballettsprache auf, kultivierten choreographische Sprechstücke und kritische Pop-Ballette. Sogar die Größen des modernen europäischen Tanzes, Hans van Manen und Glen Tetley, arbeiteten in Köln. Auslandsgastspiele begründeten das erste internationale Renommee. Westdeutsche Intendanten, ziemlich hilflos in Sachen Ballett, wollten plötzlich alle ihr eigenes "Tanzforum".

Selbst die Anstrengungen, die autoritäre Balletthierarchie abzubauen, führten in Köln zum Erfolg. Im vorigen Jahr gab sich das "Tanzforum" eine kollektive Leitung, praktizierten drei Ballettdirektoren qualifizierte Mitbestimmung, und schließlich wurde die Kompanie als Modell in den Theater-Reformentwurf der nordrhein-westfälischen Strukturkommission aufgenommen. Letzte Erfolgsmeldung aus Köln: Das "Tanzforum" leitete mit seiner jüngsten Premiere die "2. Woche des modernen Tanzes" ein, konkurrierte mit Alvin Aileys amerikanischer Jazzdance-Kompanie, Murray Louis’ kinetischen Bewegungsspielen und dem modernen Londoner Rambert Ballett, fachkundig begutachtet von über sechshundert Tänzern aus dreißig Ländern, die für zwei Wochen tänzerische Erfahrungen bei der 18. Internationalen Sommerakademie in Köln sammeln.

Vor dieser internationalen Kulisse zeichnen sich allerdings auch die Schatten dieser optimistischen Gründung schärfer ab. Von Wachstumsproblemen des "Tanzforums" hatte man schon vorher gehört. Die neue Leitung muß, weil ein Kollege als alleinverantwortlicher Chefchoreograph woandershin wechselt, schon wieder einen neuen Ko-Direktor suchen. Und der Etat ist zu knapp bemessen für neue Produktionen, die Kompanie zu klein für die ständige Spannung zwischen autonomer Ballettarbeit und Opern-Statisterie, die immer noch verrichtet werden muß.

Das Tanzforum wurstelt also irgendwo zwischen kleiner Experimentiergruppe – wofür es zu groß ist, die Ansprüche inzwischen zu hochgeschraubt sind – und einer ausgereiften modernen Kompanie – deren Status die Kölner noch lange nicht erreicht haben, vor allem nicht in den neuen Balletten, in denen die die Unausgegorenheiten aus der ersten Zeit alle wieder beisammen sind: das fröhliche, unbedenkliche Wirtschaften mit der Nostalgiemode ebenso wie das Herumspekulieren und -spintisieren, das den Tanz verschüttet oder erfrieren läßt.

Gray Veredon hat offenbar Geschmack an der Musik von Scott Joplin aus der von Oscars überschütteten Gaunerkomödie "Der Clou" gefunden, dessen Kniff das Ballett "Ragtime Dance Company" anfangs zu teilen schien: ein gängiges, ja stereotypes Film- oder Ballettschema listig zu unterlaufen oder zu durchbrechen. Im "Clou" führen Ganoven eine Farce mit gezinktem Spiel und harten Pseudo-FBI-Agenten vor, um den gewieften Bandenboß hereinzulegen – ähnlich müßte in der Ballett-Show der falsche Ballettglitzer, die Revue-Tingelei ad absurdum geführt werden. Aber Veredons Ballett versandete viel früher als der Film im Happy-End; nach einigen Nummern in schmuddligen romantischen Dessous, dem grotesken Auftritt eines Vamps, dem immerfort die Stola in die Quere gerät, machte er protzige oberflächliche Unterhaltung.

Dafür blieb Zoltan Imres "Abschied von Werther" in tiefem Nachsinnen stecken. Der Solist des "Tanzforums" wollte zeigen, wie ein junger Mann von heute durch ein Werther-Erlebnis entzündet wird, sich aber davon wieder frei macht. Imre ließ einen Tänzer in einem Rhönrad heranturnen, in einer psychologisierenden Gruppenchoreographie nach Beziehungen zu anderen suchen, bildete dazu im Hintergrund einige schöne altmodische Bilder vom Abschied ab (etwa: eine kleine Gesellschaft in der Gondel eines Fesselballons), verstrickte sich aber rettungslos in die Dramaturgie seiner Doppelbetrachtung mit kostümiertem Werther, doppeltem Lottchen und vielem Herumgefuchtele mit Pistolen und Gewehren.

Dagegen war Jochen Ulrichs choreographischer Bilderbogen zu Mahlers Lieder-Zyklus "Des Knaben Wunderhorn" ein Ausbund an gedanklicher Strenge und formaler Klarheit. Ulrich, gegenwärtig die beherrschende Persönlichkeit dieser Kompanie, charakterisierte dreierlei: Den volksliedhaften Grundton fing er in lyrisch schwingenden Paartänzen ein; die bedrohlichen soldatischen Untertöne steuerten Männer in der Manier von Maurice Béjart in fast brutalen stampfenden Formationen bei; die Todesahnung, ja Todesverklärung klang an in düsteren oder schwermütigen Bildern. Aber Ulrich verschenkt solche Wirkungen durch penibles Nachbuchstabieren der Musik, deren anekdotischer Inhalt oft platt nacherzählt wird.

Die Arbeit des "Tanzforums" ist also noch von manchen Umständen eingeengt, zum Beispiel der Schwerfälligkeit eines Opernhauses und von Resten der alten illustrierenden Ballettdramaturgie. Hoffentlich werden die neuen Ansätze davon nicht zerrieben. Jens Wendland