Von Gabriele Venzky

Die Menschen stehen dem Überleben der Menschheit im Wege. Immer schneller wächst ihre Zahl, immer mehr Kinder werden geboren, für die es nie genug zu essen geben wird, die niemals Arbeit finden werden oder ein Dach über den Kopf. Jeden Tag wächst die Erdbevölkerung um 250 000 Menschen. Aber die Erde wächst nicht mit und unverändert klein bleiben die wohlstandschaffenden Rohstoffreserven. Schon heute lebt ein Großteil der Menschheit ein Leben ohne Hoffnung auf eine bessere, Zukunft. Wie wird es morgen sein?

Eine halbe Million Jahre, 5000 Jahrhunderte, hat es gedauert, bis die Menschheit zum erstenmal eine Milliarde zählte. Das war um das Jahr 1800. Heute, 1974, leben vier Milliarden Menschen auf der Erde, 1985 werden es fünf Milliarden sein – elf Jahre genügen heute, um der Menschheit eine weitere Milliarde hinzuzufügen.

Bis 1650 dauerte es 35 000 Jahre oder 1400 Generationen, bis sich die Erdbevölkerung verdoppelt hatte, jetzt ist dies ein Prozeß von nur etwas mehr als einer Generation. Kinder, die heute geboren werden, werden wahrscheinlich noch miterleben, wie sich die Erdbevölkerung verdreifacht.

Die demographische Faustregel heißt: 3,5 Prozent Bevölkerungswachstum bedeutet eine Verdoppelung in 20 Jahren, 2,5 Prozent in 28 Jahren, 2 Prozent in 35 Jahren, 1 Prozent in 70 Jahren. Gegenwärtig wächst die Erdbevölkerung um 2 Prozent im Jahr. Aber sie wächst nicht überall im gleichen Ausmaß. Die Menschen vermehren sich dort am meisten, wo sie am ärmsten sind und wo ihr Leben am kürzesten ist: um 3 Prozent in vielen Teilen Afrikas und Asiens, nur um etwa 1 Prozent dagegen in den meisten Teilen Europas, in Nordamerika und in der Sowjetunion. In Swaziland (höchste Geburtenrate der Erde) kommen auf 1000 Einwohner 52,3 Geburten pro Jahr, in der Bundesrepublik (niedrigste Geburtenrate) sind es 12,8. Im vergangenen Jahrzehnt fanden Vierfünftel des Bevölkerungswachstums in den Ländern der Dritten Welt statt, in den neunziger Jahren werden es bereits Siebenachtel sein. Denn die Eltern von morgen, das sind die Kinder, die heute unter 15 Jahre alt sind. Sie machen schon jetzt die Hälfte der Bevölkerung in den Entwicklungsländern aus; in den reichen Staaten ist es ein Viertel.

Werden sie und ihre Kinder in einer besseren Welt leben als wir? Es ist wenig wahrscheinlich, wenn die Reichen weiter so tun, als gebe es kein Übervölkerungsproblem, als sei allein die Steigerung nur ihres Lebensstandards wichtig.

Arbeitslosigkeit, Hunger, Analphabetentum, sie sind eng miteinander verzahnt. An ihrem Anfang und an ihrem Ende steht immer wieder das gleiche: Bevölkerungsexplosion – ein schier hoffnungsloser Teufelskreis. So werden auf der Suche nach Arbeit und in der Hoffnung, ihren Kindern ein besseres Leben bieten zu können, immer mehr Menschen in die Städte strömen und die schon heute lebensunfähigen Megalopolen noch unmenschlicher machen. Zum ’erstenmal in der Geschichte der Menschheit werden um die Jahrtausendwende mehr Menschen in den Städten leben, als auf dem Land. Von den Städten, die dann die 10 Millionen-Grenze überschreiten, werden zehn in der Dritten Welt, aber nur sechs in der Ersten Welt liegen. 1950 lebten 300 Millionen Menschen der unterentwickelten Länder (16 Prozent) in Städten. Im Jahr 2000 werden es 2,2 Milliarden (43 Prozent) sein. In der gleichen Zeitspanne wird ihre ländliche Bevölkerung von 1,4 auf 2,9 Milliarden ansteigen. Vier von fünf Menschen des Jahres 2000 werden in der Dritten Welt leben.