Von Wolfram Siebeck

Wie man hört, befürchtet der Bundeskanzler ein globales Wirtschaftschaos, dessen Abwendung ihm so wichtig erscheint, "daß lediglich die Erhaltung des Weltfriedens noch höher einzuschätzen ist." Bei diesen Worten unterbrechen die Volkswagen-Aktionäre im Keller für einen Moment ihre Suche nach dem Kursstand und nicken beifällig. Nicht einmal die linken Ideologen machen Einwände. Sind ihnen Bank- und Versicherungspräsidenten, die aus den Fenstern ihrer Bürohäuser springen, nicht ein paar Kursstürze wert? Ich kenne Photographen, die ihre toscanischen Besitzungen hergäben für einen Bankdirektor im Vorbeisprung am 11. Stockwerk. Blende 11, 1/250 sec.

Doch was das befürchtete Wirtschaftschaos angeht, so möchte ich darauf aufmerksam machen, daß es auf lokaler Ebene schon existiert. Pleiten und Ruin wohin ich blicke. Ich meine nicht die 500 arbeitslosen Architekten, die es allein in München gibt. Wenn es dieselben sind, die unsere Landschaft in den letzten Jahrzehnten mit Beton zugebaut haben, so handelt es sich hier um einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Ich meine auch nicht die Plate der Herstatt Bank, die mich, zugegeben, völlig unvorbereitet traf. Ich hatte nicht nur versäumt, dort Geld einzuzahlen, solange das noch möglich war; ich wußte nicht einmal von der Existenz dieses Unternehmens. Dennoch habe ich Einblicke in das Funktionieren unserer Wirtschaft nehmen können, die mir klar machen, wie riskant Männer wie Abs und Münchmeyer leben: Ständig mit einem Fuß auf der Fensterbank.

Ich meine den Schnecken-Skandal. Das Weinbergschnecken-Vorkommen im regennassen Garten dieses Frühsommers verführte Wirtschaftssachverständige zu optimistischen Prognosen. Bei gleichbleibendem Schneckenbedarf der hiesigen Wirtschaften und einer Förderung von 100 Schnecken pro Tag pro minderjährigem Gesellschafter errechnete unser Sachverständiger, der erst kürzlich durch eine überraschend mit einer drei zensierten Schulaufgabe von sich reden gemacht hatte, einen Gesamtumsatz von 70 Mark, abzüglich Transportkosten plus Tara und Tralala.

Der zuständige Aufsichtsrat versprach, sich durch die Verminderung der Blattfresser einen gärtnerischen Vorteil und gab seine Zustimmung: Nun sucht mal schön! Doch das Unternehmen endete mit einer Pleite. Zwar ließ sich die Schneckenförderung besser an als erwartet, aber kurz vor Abschluß der Transaktion wurde die Unternehmensleitung davon unterrichtet, daß Weinbergschnecken unter Naturschutz stehen. Außerdem seien Minderjährige nicht sammelberechtigt. Die bereits geförderte Menge (ca. 380 Stück) mußte ins Gras remittiert werden. Der Cash Flow war gleich Null, Tara hinfällig. Tralala nur zögernd und gedämpft.

Seit dem Zusammenbruch von Bernie Cornfields IOS Imperium hatte es keinen ähnlichen Finanzskandal mehr gegeben. Es stellte sich nämlich heraus, daß die Anteilseigner riskante, als "Wetten" deklarierte Spekulationen über die Höhe der Fangquoten eingegangen waren. Darüber hinaus hatten sie ihre Anteile gegen kurzfristig lieferbare Eisportionen eingetauscht oder gegen bar verpfändet. Das Wirtschaftschaos, vor dem der Bundeskanzler warnte war perfekt. (Der Aufsichtsrat sprang nur deshalb nicht aus dem Fenster, weil es immer noch regnete.)