Frankreichs Präsident stellt Stabilität vor nationales Prestige. Erstes Giscard-Opfer: Das 600-Millionen-Mark-Projekt "Aérotrain".

Dem französischen Hang nach Prestige auf Staatskosten geht es an den Kragen. Präsident Giscard d’Estaing bestimmte nicht nur die France‚ das Flaggschiff französischen Nationalstolzes, zum Verschrotten, jetzt blies er auch das ehrgeizige und pleiteverdächtige Vorhaben ab, zwischen Paris und der Vorstadt Cergy-Pontoise den Luftkissenzug Aerotrain zu bauen (ZEIT vom 14. 6. 1974). Die letzte Regierung Messmer wollte sich das supermoderne Vergnügen noch 600 Millionen Mark kosten lassen. Der neue Mann im Elysée entschied: Eine Eisenbahn genügt.

Der Aérotrain sollte alle Geschwindigkeitsrekorde schlagen, obwohl Fachleute gewarnt hatten, die 23 Kilometer lange Strecke sei viel zu kurz für einen wirtschaftlichen Einsatz. Außerdem war eine Vielzahl technischer Probleme noch ungelöst.

Offiziell heißt es dazu, die Regierung müsse sparen. Doch das Ende der Affäre hat tiefere Gründe. Giscards Vorgänger Georges Pompidou hatte geglaubt, den Ruhm französischer Technik in alle Welt tragen zu müssen. Sein damaliger Finanzminister Giscard d’Estaing trauerte dagegen den Renommier-Millionen nach, jetzt zieht der Wirtschaftler im Elysée die Konsequenzen: Nach seiner Meinung kann Frankreich mit einer bescheidenen Inflationsrate mehr Ansehen gewinnen als mit aufwendigen Prestigeprojekten.

Die angesehene französische Tageszeitung Le Monde kommentierte Giscards Entscheidung beifällig: "Es war töricht, den Launen der Erfinder aus kurzsichtigen Motiven nationalen Prestiges bereitwillig nachzugeben."

Erhebliche Sorgen dürfte das Ende des Aérotrain dem amerikanischen Chemiekonzern 3M bereiten. Er hatte im Vertrauen auf den Schnellzug sein Hauptquartier mit 2000 Mitarbeitern bereits nach Cergy verlegt.

Auch bei einem anderen Prestige-Vorhaben mußten die Franzosen von hochfligenden Plänen Abschied nehmen: Am vergangenen Wochenende einigten sich Präsident Giscard und der britische Premier Harold Wilson in Paris, anstatt der von Frankreich gewünschten 19 Concordes nur 16 der schnellen Jets zu bauen.

Trotz der von Fachleuten gerühmten technischen Qualität des Überschallflugzeugs waren die Verkaufsmanager erfolglos. Nur der Iran und die Volksrepublik China halten je drei Optionen, die anderen neun Concordes fliegen für die britischen und französischen nationalen Luftfahrtgesellschaften. smi