Von Christa Dericum

Der Historiker Hans Roos hat in einem 1973 erschienenen Essay ("Das Verhältnis von Autokratie und Anarchie als universalhistorisches Problem") die Anarchie als "Unherrschaft" der Herrschaft eines einzelnen gegenübergestellt. Die Unherrschaft erscheint in seiner Typologie als die Herrschaft aller Sie verwirklicht nicht nur Herrschaftslosigkeit, sie "ist" es.

Der universalhistorische Ansatz erlaubt solche Typisierung. Wie aber sieht es mit und bei den Zeitgenossen aus? Ist jeder ein Anarchist, der Bomben schmeißt, Flugzeuge entführt, Banken überfällt, Rote Armee spielt oder einen Nationalstaat der Palästinenser gewalttätig vorbereitet? Oder wird hier Gesetzwidrigkeit mit Anarchismus gleichgesetzt? Schlagen wir nach bei

Günter Bartsch: "Anarchismus in Deutschland", Band (1945–1965), 319 S., 16,–DM; Band 2/3 (1965–1973), 423 S., 18,– DM; Fackelträger Verlag, Hannover 1972/73.

Das Material, das Günter Bartsch zusammengetragen, photokopiert, auf Tonbändern gesammelt hat, gibt zum erstenmal ein fast zusammenhängendes Bild der Gruppen und Personen, die sich in der Bundesrepublik selber Anarchisten nennen. Da ist von Bomben und Maschinenpistolen wenig, von programmatischen Erklärungen sehr viel zu finden, und, um dies vorwegzunehmen, von einer ständig fluktuierenden, in ihren Fixpunkten schwer bestimmbaren geistigen Auseinandersetzung mit einer Fülle von Widersprüchen.

Bartsch hat versucht, das Material durch vorangestellte Grundsatzerwägungen zu ordnen. Er unterscheidet Individual- und Sozial-Anarchismus von Anarcho-Kommunismus, -Syndikalismus und -Liberalismus. Als Prototyp bestimmt er für die deutschen Verhältnisse den Michael Kohlhaas; damit verweist er die ganze Typisierung zurück auf den Kampf ums alte Recht, das durch neue Eingriffe nicht genommen werden darf: ein tiefenpsychologisch interessantes Motiv, das in der Erhaltung der Menschenrechte zu weltpolitischer Würde gelangt ist.

Die Anfänge 1945 liegen in Hamburg. Diese Hamburger Arbeiter erinnern in ihrer Ethik und in der Unbedingtheit ihrer Zielsetzung an die russischen Anarchisten von Kronstadt. Es ist da ein Rest jener breiten Bewegung geblieben, die mit den Namen Peter Kropotkin und Gustav Landauer verbunden war. Andere Gruppen finden sich, aber finden nicht zusammen. Über eine Schrift der Darmstädter Föderation Rudolf Rockers kommt es zu einem Streit, Einigungsversuche, wieder neue Fraktionierung. Die Kämpfer für Unherrschaft machen ihrem Namen Ehre, sie verwirklichen nicht Anarchie, sie "sind" Anarchie.